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Eine merkwürdige Begegnung beim Fischen vor der Küste
von Dubai
Von Florian Harms
(die tageszeitung, taz, vom 19.06.2003)
Dubai - Seit Wochen suchte ich meine blaue Mütze, die mit dem
praktischen Sonnenschirm. Ich hatte bereits überall nachgesehen,
doch meine blaue Mütze war unauffindbar. Aber ich wollte nicht
jammern, andere Leute müssen viel wichtigere Dinge suchen.
Die grübeln zum Beispiel jede Nacht darüber, wo wohl Ussama
Bin Laden ist. Da haben sie Afghanistan erledigt, den Irak umgegraben
und Syrien ausgequetscht, aber das, wonach sie suchen, haben sie
trotzdem nicht gefunden. Ich war froh, dass ich nur meine blaue
Mütze suchte. Doch dann passierte das mit Dubai.
Ich war ein bisschen umhergereist und irgendwie in die Vereinigten
Arabischen Emirate geraten, genauer: an die Küste von Dubai.
Einige Kilometer nordwestlich wurde gerade der Irak ... - aber das
habe ich ja schon erwähnt. Es war früher Morgen, die Reusenmacher
hatten gerade erst ihr Tagwerk aufgenommen. Reusen sind große
Körbe aus Draht und seit vielen Jahren die beliebtesten Arbeitswerkzeuge
der Fischer von Dubai. Und dann muss man noch wissen, dass die Reusenmacher
in Dubai aus Afghanistan kommen, genauer: aus Tora Bora. Die Jungs
haben zum Arbeiten in die Emirate rübergemacht, weil in ihrer
Heimat ja kein Stein mehr auf dem anderen steht. Jetzt sitzen sie
von morgens bis abends am Strand von Dubai und flechten Reusen.
Als die Sonne aufging, machte ich Bekanntschaft mit Käptn Hammad.
Käptn Hammad hat ein schönes, kleines Fischerboot, einen
anderthalb Meter langen Bart und eine Stevie-Wonder-Sonnenbrille.
Selbstverständlich ist er ein eingefleischter Islamist. Er
sagt gern Sätze wie: "Islam good, America bad." Ich
überlegte kurz, fand aber keinen Grund, zu widersprechen. Mein
Schweigen schien Käptn Hammad zu gefallen, denn er lud mich
ein, ihn auf seiner Fischfangfahrt zu begleiten.
Zwei Stunden später waren wir meilenweit draußen auf
dem Persischen Golf. Käptn Hammad stoppte die Maschine und
befahl seinen fünf indischen Gehilfen, den Reusensucher auszuwerfen.
In den folgenden Stunden vollzog sich immer wieder die gleiche Prozedur:
Die Inder zogen eine Reuse nach der anderen an Bord, schüttelten
die zappelnden Fische heraus und warfen die Reusen mit Brot als
Köder darin wieder ins Meer. Käptn Hammad hatte gerade
begonnen, mir eine Vorlesung über die geopolitische Weltlage
zu halten, da geschah es: In einer besonders großen Reuse,
die gerade an Bord gehievt wurde, saß ein Mann. Alle erkannten
wir sofort, wer das war. Diese lila Schatten um die Augen, diese
ruhigen Bewegungen und diese sanfte Stimme, mit der er uns ein "Salamu
alaikum" erbot - es konnte keinen Zweifel geben. Er sah so
mitgenommen aus mit all dem Tang im Bart. Und dann erst die Quallen,
die sich scharenweise an ihm festgesaugt hatten.
Während ich noch ergriffen auf diese Szene starrte, handelte
Käptn Hammad rasch. Mit seinem Krummdolch schlug er das Tau
des Reusensuchers durch - und schon versanken Korb und Mann wieder
im Meer.
Die Rückfahrt zur Küste verbrachten wir schweigend. Käptn
Hammad war der Vorfall offensichtlich peinlich, und ich überlegte
angestrengt, wer oder was sich wohl sonst noch in einer Reuse auf
dem Grund des Persischen Golfs verstecken mag. Vielleicht der Herr
Hussein aus Tikrit? Oder meine blaue Mütze?
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