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Von Florian Harms
(die tageszeitung, taz, vom 15.10.2002, "die wahrheit")
Kiew - Ich war gerade in der Ukraine unterwegs - so, wie man dort
unterwegs zu sein pflegt: mit einem zähen Kater im Großhirn
und einer ordentlichen Portion Röntgenstrahlung an Haut und
Haaren nach einem Herbstausflug in Tschernobyl.
Gemessen wird die Strahlung in Röntgenmikrogramm pro Stunde,
und 40 Einheiten gelten bereits als riskant. Wir hatten 800 abbekommen.
Nun sah ich ergeben dem Rückflug in den Westen entgegen. Die
Zeit bis zum Abflug gedachte ich mir mit dem Monatsmagazin der internationalen
Atomenergielobby zu versüßen. Der Kleinbus, in den man
mich gemeinsam mit etwa 20 weiteren, ebenfalls mit einer soliden
Grundstrahlung behafteten Kollegen gepfercht hatte, fuhr direkt
vor den "VIP-Terminal" des Kiewer Flughafens. Das Fertigbauhäuschen,
als das der Terminal für besonders wichtige Personen sich entpuppte,
ließ sich erst nach einer ausgedehnten Röntgendurchleuchtung
von Körper und Koffern betreten. Dazu wurde eine so genannten
X-Ray-Maschine eingesetzt, durch die unsere Strahlung aufgefrischt
wurde.
In Habtachtstellung hieß man uns neben dem Gepäck warten,
um auf Namensnennung "Jawoll!" zu bellen und den eigenen
Koffer nochmals zu identifizieren. Anschließend durften wir
uns einem weiteren Röntgentest unterziehen. Sicherheitshalber
natürlich. Endlich wurden wir abkommandiert, in hellbraunen
Kunstledersesseln Platz zu nehmen.
"Drink Coffee!", befahl die robuste Flughafensicherheitsbeauftragte.
Doch schon nach drei Tässchen kam die nächste Anweisung:
"Now duty free shopping!" Gehorsam ließen wir eine
neuerliche Röntgenstrahlung durch unsere Leiber dringen und
zwängten uns in ein Gefährt, um über das Flugfeld
kutschiert zu werden. An irgendeiner Eisentür hielt der Wagen
abrupt, und es ging hinein in ölige Katakomben, in denen schwitzende
Männer Tausende von Koffern schichteten. Dazwischen ein verwirrter
Russe, einen Anflug von Panik im Gesicht: "Gehts hier nach
Amsterdam?" Der Russe hatte wohl schon zu viel Strahlung.
Ein Stockwerk höher wartete nochmals eine Röntgendurchleuchtung,
die die individuelle Dosis endgültig in rekordverdächtige
Höhen trieb. "Its for your safety!", beschied man
uns. Auf das Kommando "Go in this shop! Buy! You have three
minutes!", hastete die gesamte Bagage in ein Versorgungsetablissement
und tauschte die letzten Kopeken gegen eine Plastikflasche Wodka.
Dann forderte uns eine Lautsprecherstimme zum sofortigen Einchecken
auf. Selbstverständlich nicht ohne den obligatorischen Röntgenvorgang.
Der Sicherheit wegen, versteht sich.
"Come back to Ukraine sometime!", flötete ein roter
Mund noch, als sich die Flugzeugtür endgültig schloss.
Der Platznachbar beugte sich aus seinem Sitz herüber, ein Mann
mit viel Lebenserfahrung: "Wussten Sie eigentlich, dass man
auf so einem Flug in 10.000 Metern Höhe eine gehörige
Röntgenstrahlung aus dem Weltraum abbekommt?" Doch ich
hörte gar nicht hin. Ich war viel zu sehr mit meiner Lektüre
beschäftigt - im Lichte meiner glühenden Gliedmaßen.
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