HARMS & JÄKEL REPORTS

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Der Freund der Todespiloten

In Hamburg steht der Marokkaner Munir al-Mutassadiq vor Gericht, der die Anschläge vom 11."September mitgeplant haben soll. Wer ist dieser Mann, der alle Vorwürfe abstreitet und nur Freundschaftsdienste erbracht haben will? Eine Spurensuche in seinem Hamburger Umfeld.

Von Florian Harms

(Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 27.10.2002)

Hamburg - Auf den ersten Blick macht er einen sympathischen Eindruck: Als Munir
al-Mutassadiq vor Gericht erscheint, wirkt er trotz der angespannten Atmosphäre ruhig. Ihm gegenüber sitzen die Vertreter der höchsten deutschen Anklagebehörde, der Bundesanwaltschaft, schon von weitem an ihren roten Roben erkennbar. Durch eine schusssichere Glasscheibe von ihm getrennt, horchen hundert Journalisten aus aller Welt auf jedes seiner Worte, fixieren jede seiner Bewegungen. Dennoch wirken Sprache und Gestik des Angeklagten entspannt. Die schwarzen Haare hat er zurückgekämmt, der Dreitagebart umrahmt ein markantes Gesicht. In der elfmonatigen Untersuchungshaft ist seine Haut blass geworden, unter den Augen heben sich Schatten ab. Der 29- jährige Marokkaner spricht in fließendem Deutsch, stets höflich im Ton. Ein netter junger Mann, der sich äußerlich kaum von Hunderten anderer arabischer Männer in Deutschland unterscheidet. Sieht so ein Mensch aus, der einen Massenmord mitgeplant haben soll?

Entscheidendes Rädchen

So jedenfalls lautet die Anklage gegen Al-Mutassadiq in dem Prozess vor dem Hamburger Oberlandesgericht, der am vergangenen Dienstag begonnen hat und sich bis ins kommende Jahr hineinziehen wird: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Beihilfe zum Mord in 3045 Fällen. In der Vorbereitung der Anschläge vom 11."September 2001 sei Mutassadiq ein "entscheidendes Rädchen" gewesen, sagen die Ankläger. Als "Statthalter" der Hamburger Terrorzelle um drei der Todespiloten, Muhammad Atta, Marwan ash-Shehi und Ziad Jarra, soll er die Finanzen der Gruppe verwaltet haben. Die Anklage stützt sich vor allem auf mehrere Banküberweisungen, die Mutassadiq mit einer Vollmacht vom Konto seines Freundes Ash-Shehi tätigte.

Die Finanztransaktionen seien ganz normale Freundschaftsdienste gewesen, wie unter muslimischen Studenten im Ausland üblich, hält der Angeklagte dagegen. Davon, dass seine Freunde Anschläge planten, will er nichts gewusst haben. Vor Gericht bemüht er sich sichtlich, nicht als Fanatiker zu erscheinen. "In die Moschee geht man dann, wenn man Zeit hat", sagt er mehrmals. Dass er die amerikanische Weltpolitik als Aggression gegen die islamische Welt empfindet, verhehlt er nicht. Doch habe er stets nur friedlichen Widerstand befürwortet, etwa den Boykott amerikanischer Lebensmittel: "Gewalt kann Probleme nicht lösen", sagt er.

Wie passen solche moderaten Äußerungen zu dem "aggressiven militanten Islamismus", den die Anklage Mutassadiq vorhält? Verstellt dieser sich geschickt, um einer lebenslangen Haftstrafe zu entgehen, oder wird hier einem Unschuldigen der Prozess gemacht, weil der Druck der Öffentlichkeit auf die Ermittlungsbehörden wächst, endlich Helfer der Attentäter zu finden und zu verurteilen?

Nur ein Brunnenbauer

Hört man sich im persönlichen Umfeld Mutassadiqs um, stößt man überwiegend auf Ratlosigkeit - und auf Angst. Unter den Zuhörern des Prozesses sind drei Marokkaner. Viel mehr, als dass sie Freunde Mutassadiqs seien, ist ihnen nicht zu entlocken. Nur dies: Dass der Vater des Angeklagten kein Visum bekommen hat, um den Prozess zu verfolgen, empfinden sie als "diskriminierend". Dann verabschieden sie sich schnell. Während der Verhandlung wurde einer von ihnen des Saales verwiesen, weil er sich mehrmals mit der Hand durch die Haare gefahren war; das hätten Geheimzeichen für den Angeklagten sein können, befürchteten die Polizisten. "Das ganze Umfeld Mutassadiqs ist wegen solcher Vorfälle und wegen der teilweise reißerischen Berichterstattung völlig verunsichert", sagt Hans Leistritz, einer der beiden Verteidiger des Angeklagten, und fügt hinzu: "Alle haben panische Angst, selber verdächtigt zu werden, weil sie etwas Falsches tun oder sagen. Deshalb schweigen sie lieber."

Dennoch finden sich einige biographische Puzzleteile, die man zu einem Bild Mutassadiqs zusammenfügen kann. Im Jahr 1974 geboren, wuchs er mit sechs Geschwistern in der Altstadt von Marrakesch auf. Er schaffte nach mäßigen Schulleistungen einen der Matura vergleichbaren Abschluss und ging mit Hilfe seines wohlhabenden Vaters Ende 1993 zum Studium nach Deutschland. Man weiß, dass er in Münster Deutschkurse besuchte und beim FC Gievenbeck in der Kreisliga Fußball spielte, wo ihn die Mitspieler wegen seiner schmächtigen Statur "Spargel" riefen.

Im Herbst 1995 befolgte er einen Rat von Freunden und zog nach Hamburg-Harburg, um dort an der Technischen Universität (TU) Elektrotechnik zu studieren. Sein Studium habe er als das begriffen, was das arabische Wort "Jihad" wörtlich bedeute - als "Anstrengung", erklärt Mutassadiq vor Gericht. Sein Ziel sei es gewesen, später nach Marokko zurückzukehren, um dort bei der Elektrifizierung und beim Bau von Brunnenanlagen mitzuhelfen.

"Al-Mutassadiq war ein durchschnittlicher Student", sagt Rüdiger Bendlin, der an der TU arbeitet und mit dem Marokkaner Kontakt hatte. Mutassadiq habe keinerlei auffällige politisch- religiöse Betätigungen erkennen lassen. "Nach dem 11."September war er völlig bestürzt und hatte das Gefühl, er müsse sich als Freund der Attentäter für alles rechtfertigen, was er je in seinem Leben getan hat. Mein Eindruck war: Das ist ein armes Würstchen, dem man helfen muss", erinnert sich Bendlin.

An der Universität hatte Mutassadiq schon früh Atta kennen gelernt und war in dessen Freundeskreis integriert worden. "Atta wusste sehr viel und betete regelmäßig. Er wurde wegen seines Verhaltens akzeptiert, nicht wegen seiner Meinungen", berichtet der Angeklagte vor Gericht. Über Terroranschläge hätten die anderen in seiner Gegenwart nie gesprochen, weder bei den Treffen zum Nachtessen noch in der Moschee.

Ausbildung in Afghanistan

"Ja, auch Al-Mutassadiq verkehrte hier", sagt Aziz Alaoui, Gründer und Vorsteher der Kuds-Moschee im Hamburger Stadtteil St. Georg. In diesem Gemeindezentrum zwischen Imbissbuden, Gemüseläden und Sexshops, auf das von außen kein Schild hinweist, sollen sich die Mitglieder der Zelle um Atta immer wieder getroffen und Schritt für Schritt radikalisiert haben. Nach einigem Drängen bittet Alaoui in sein Büro.

Während seine kleine Tochter mit den Münzen aus der Tageskollekte spielt, erinnert sich der 36-jährige Marokkaner: "Ich kenne Al-Mutassadiq bereits einige Jahre, er hat immer einen guten Eindruck gemacht. Ich glaube nicht, dass er an den Anschlägen beteiligt war. Mir ist das alles ein Rätsel." Ob der standardisierte Vordruck, den Atta als Grundlage seines Testaments auch von Mutassadiq unterschreiben ließ, aus der Kuds-Moschee stammte, kann oder will Alaoui nicht sagen.

Ihre Reise nach Afghanistan scheint die Gruppe ebenfalls im privaten Kreis organisiert zu haben. Auch Mutassadiq absolvierte dort im Sommer 2000 eine paramilitärische Ausbildung - gleich wie rund 2000 andere in Deutschland lebende Muslime. Nach drei Wochen Laufen und Aerobic habe er jedoch "keine Lust mehr" gehabt und sei nach Hamburg zurückgekehrt, sagt er. Atta habe er danach nicht mehr gesehen.

Wie die Attentäter wohnte auch Mutassadiq in einem ruhigen Quartier in Hamburg-Harburg. Zeitweise hatte er Unterschlupf in der berüchtigten Wohnung in der Marienstrasse 54 gefunden. Seine Frau wohnt mit den beiden Kindern noch heute in einem Mehrfamilienhaus nur wenige hundert Meter von der Marienstrasse entfernt. Vom Gebäude gegenüber, einem Museum, wurde die Familie nach dem 11."September wochenlang vom Verfassungsschutz observiert. Das ist das Einzige, was die Museumswärterin erzählen mag. Die Nachbarn haben die Nase voll vom Medienrummel. "Die Terroristen sind weg. Und fertig", sagt die Besitzerin eines Zeitungsladens.

Für die Muslime in Hamburg dagegen halten die Nachwirkungen des 11. September an. "Seit diesem Tag hat sich viel verändert", sagt Mustafa Günesdogdu, Imam der ältesten islamischen Gemeinde in Hamburg, während eines Gesprächs bei Tee und Datteln aus Medina. "Einerseits hat sich das Interesse am Islam verdoppelt, andererseits werden wir Muslime seitdem oft mit Terroristen gleichgesetzt." Der Prozess gegen Mutassadiq spiele dabei keine besondere Rolle: "Wir fühlen uns ganz allgemein angegriffen." Dieses Gefühl scheint auch Mutassadiq zu kennen. In der Gerichtsverhandlung hebt er nur dann die Stimme, wenn die Ankläger ihm durch Nachfragen eine radikale Äußerung entlocken wollen. Der des Terrorismus Beschuldigte macht den Eindruck eines Menschen, der sich - naiv oder wissentlich - in ein Umfeld hineinziehen ließ, dessen Auswüchse er schließlich nicht mehr überschauen konnte.

Jetzt kämpft er mit Worten um seine Freiheit. Sein Name, Al- Mutassadiq, geht auf die arabische Sprachwurzel "sadaqa" zurück. Das bedeutet: "die Wahrheit sagen".

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