|
Ein überlebender Palästinenser erinnert sich an
das Massaker von Sabra, für das Ariel Scharon womöglich
angeklagt wird
Von Florian Harms
(Süddeutsche Zeitung vom 12. Februar 2002)
Berlin - Er muss immer etwas in den Händen haben. Schlüssel,
Handy, Kugelschreiber. Er sitzt an einem der Tische seines Lokals,
und die Finger seiner Hände greifen wie von selbst nach einem
Bierdeckel, betasten ihn, drehen ihn, schnippen ihn schließlich
weg, nur um sich einen neuen zu greifen.
Die Erfahrung des Grauens, das er mit den Augen eines Fünfjährigen
sah, ließe sich vollständig hinter den sorgfältig
gegelten Haaren, dem eleganten Kinnbärtchen, der schwarzen
Kellnerhose und dem schicken Hemd verbergen, wären da nicht
diese rebellischen Hände, die durch ständige Bewegung
verraten, dass da etwas ist. Akram El-Khatib muss seinen Händen
immer etwas zu tun geben. Zum Beispiel jetzt den Teebeutel aus seinem
Glas fischen und dessen Schnürchen um einen Löffel wickeln.
Alles andere an ihm wirkt souverän: sein Gang, sein Blick,
sein Humor, von dem man unvermittelt getroffen wird, wenn man seine
Pizzeria zum ersten Mal betritt, nach Herrn El-Khatib fragt und
zur Antwort bekommt, der Chef müsse gerade schwer in der Küche
schuften. Schließlich sei Mittagessenszeit. Dabei ist er es
doch selbst, der Chef. Akram El-Khatib ist stolz auf das, was er
mit seinen 24 Jahren erreicht hat. Als er vor vier Jahren nach Berlin
kam, hatte er wenig außer einer festen Vorstellung von dem,
was er wollte. Die Lehre in einer Autowerkstatt in Nordrhein-Westfalen
war am Meister gescheitert. "Ein Chaot. Ein Nazi. Kein Ausländer
hat es bei dem ausgehalten", sagt er.
Sie schossen wahllos
Also Berlin, wo der Onkel eine Aushilfe in seinem Restaurant gut
gebrauchen konnte. Dann ein Imbiss-Wagen am Ostbahnhof. Der lief
so gut, dass El-Khatib ihn vor einem halben Jahr gegen ein eigenes
Lokal in Schöneberg tauschen konnte: "So wie ich es immer
haben wollte. Italienische, griechische und mexikanische Spezialitäten."
Keine arabischen? - "Nein, arabische nicht." Warum der
in Jülich bei Aachen geborene Akram El-Khatib, Kind palästinensischer
Eltern, keine arabischen Spezialitäten verkauft und warum seine
Hände ständig auf Wanderschaft sind, mag verstehen, wer
sich etwas Zeit nimmt und ihm zuhört. Zeit ist da, auch heute
ist wieder niemand zum Essen in sein Lokal gekommen. "Am Anfang
lief es gut", sagt El-Khatib, "aber dann kam die Katastrophe
in den USA. Die Leute denken sich: Döner-Läden gehören
Türken, also kein Problem. Eine Pizzeria aber kann nur einem
Italiener oder einem Araber gehören. Da bekommen sie Angst."
El-Khatibs ganz persönliche Katastrophe liegt viele September
weiter zurück als der des vergangenen Jahres. Erst fünf
Jahre alt war er im September 1982 und erinnert sich doch an viele
Einzelheiten. Sehr viele Einzelheiten. Das Haus im palästinensischen
Flüchtlingslager Sabra, West-Beirut, hatten seine Eltern gerade
erst bezogen. "Sie hatten sich wohlgefühlt als Gastarbeiter
in Westdeutschland", erzählt El-Khatib, "aber dann
hieß es: Ihr müsst ausreisen und mindestens drei Monate
wegbleiben. Danach könnt ihr wieder rein." Die Zeit war
ungünstig für eine Rückkehr in den Libanon, in dem
seit 1975 ein mörderischer Bürgerkrieg tobte. Im Juni
1982 marschierte die israelische Armee in den Libanon ein, um die
Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und Jassir Arafat
von dort zu vertreiben. Es war ein schmutziger Einsatz, wie man
im Militär-Jargon sagt. Was die israelische Armeeführung
nicht selber machen wollte, überließ sie ihren libanesischen
Schergen von den christlichen Milizen - den "Forces Libanaises".
Sie kamen durch den Hintereingang des Hauses, daran erinnert sich
El- Khatib genau. Schossen wahllos auf alles und jeden. Der Onkel
stürmte zum Vorderausgang hinaus. Er selbst ging an der Hand
seiner Mutter, stolperte. Seine kleine Hand entglitt ihr. Er fiel
über die Türschwelle, das Gesicht auf dem Boden. Die hinter
ihm Rennenden traten auf seinen Rücken. Alles wurde schwarz.
Seine Großmutter hetzte zurück, zerrte ihn an der Hand
hoch und flüchtete mit ihm in ein anderes Viertel, zum Versteck
in einer Moschee. Doch auch dorthin kamen sie, schossen wieder.
Also rannte der Junge weiter an der Seite der Mutter, die seine
vier Monate alte Schwester in den Armen hielt. "Überall
in den Straßen lagen Leichen. Viele ohne Köpfe, ohne
Arme. Unter dem Auto meines Vaters lagen mehrere Leichen. Ich denke
oft daran." El-Khatib erzählt ruhig, so als sei das, was
er vor neunzehn Jahren sah, längst abgehakt. Aber es ist nicht
vorbei.
Es war ein Gemetzel, ein Massaker. Ausgeführt von christlich-
libanesischen Milizen in den palästinensischen Lagern Sabra
und Schatila - aber offen geduldet von der israelischen Armee. Von
3000 Ermordeten spricht die PLO, die meisten anderen Quellen nennen
800 bis 1500 Opfer. Nach Augenzeugenberichten sollen die israelischen
Soldaten die Lager in der Nacht vom 16. auf den 17. September 1982
nicht nur abgeriegelt, sondern auch mit Leuchtraketen erhellt haben,
damit ihre Verbündeten besser sahen, wohin sie schießen
mussten. Initiator und Oberbefehlshaber der israelischen Libanon-Invasion
war der heutige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon,
damals Verteidigungsminister. Ein israelischer Untersuchungsausschuss
wies Scharon 1983 indirekte Schuld an dem Massaker zu und zwang
ihn zum Rücktritt.
23 Angehörige der Opfer wollen nicht hinnehmen, dass Scharon
als Mitverantwortlicher des Verbrechens so glimpflich davongekommen
ist. Vertreten durch einen libanesischen und zwei belgische Menschenrechts-Anwälte,
haben sie vor einem Gericht in Brüssel Klage gegen Scharon
eingereicht. Der ungewöhnliche Ort erklärt sich aus einem
seit 1993 geltenden belgischen Gesetz, das Gerichtsverhandlungen
über Verstöße gegen die Genfer Kriegsrechtskonvention
ermöglicht - egal, von wem und wo auf der Welt sie begangen
wurden. Diese einzigartige Regelung hat dazu geführt, dass
sich die Liste der möglicherweise bald in Belgien Angeklagten
inzwischen wie ein Who's who der Weltpolitik liest: Saddam Hussein,
Fidel Castro, Jassir Arafat. Doch der Fall Scharon ist bisher der
einzige, dessen Zulassung vor Gericht verhandelt wird.
Flucht vor den Mörderbanden
Ende Januar stellten Scharons Verteidiger ihre Argumente vor, die
sich hauptsächlich gegen die Zuständigkeit der belgischen
Justiz richteten. Zudem sei ihr Mandant bereits durch den israelischen
Untersuchungsausschuss 1983 "gerichtet" worden, was eine
erneute Verhandlung auch nach belgischem Recht ausschließe.
Kurz nach dem Auftritt von Scharons Verteidigern wurde ein möglicher
Kronzeuge in dem Verfahren, der frühere libanesische Milizenführer
Elie Hobeika, bei einem Bombenanschlag in Beirut getötet.
Das Gericht wird vermutlich Anfang März darüber entscheiden,
ob es die Klage gegen Ariel Scharon zulassen wird, erst dann könnte
der israelische Ministerpräsident formal wegen der Massaker
angeklagt werden.
Akram El-Khatib gehört nicht zu den Klägern in Brüssel,
er verfolgt den Fall aus der Ferne. Vielleicht ist es weniger seine
echte Überzeugung als etwas, das er sich zum Schutz seines
Selbstwertgefühls einredet, wenn er sagt: "Scharon ist
nicht stark, er ist feige." Vielleicht ist es aber auch die
Wahrheit. Jedenfalls ruhen El-Khatibs Hände bei diesem Satz
für einen kurzen Moment. Nur bei diesem Satz.
Nach der Flucht vor den Mörderbanden versteckten sich seine
Eltern an verschiedenen Orten im Libanon. Als zwei Jahre später
die ersten Flüge wiederaufgenommen wurden, kauften sie mit
ihrem letzten Geld Tickets und kamen zurück nach Deutschland.
Diesmal nicht als "Gastarbeiter", sondern als Flüchtlinge.
Zweimal war El-Khatib seitdem wieder im Libanon, wo seit 1990 offiziell
Frieden herrscht - trotz gelegentlicher israelischer Luftangriffe,
syrischer Besatzungstruppen und dem Terrorkrieg der Hisbollah gegen
Nordisrael. "Ich könnte dort nie wieder leben," sagt
er, "wegen der Armut, die sich nicht verändert hat. Und
wegen der Erinnerungen."
Vor drei Monaten ist seine Tochter geboren. Er und seine Frau haben
sie Dunja genannt, was auf Arabisch "Welt" bedeutet. Vielleicht
verbinden sie ja damit die Hoffnung auf eine bessere Welt als jene,
die El-Khatib kennt. Wenn man zu ihm sagt: "Du hast ein bewegtes
Leben", dann antwortet er: "Ein anstrengendes Leben."
Und seine Hände greifen zu dem herumstehenden Salzstreuer.
Ihnen soll nie wieder etwas entgleiten - auch keine rettende Hand
wie damals in Sabra.
Zurück zum Inhalt
|