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Das wahrscheinlich beste Bier Syriens feiert Geburtstag. Jetzt
lockt der US-Markt.
Von Florian Harms - Fotos Lutz Jäkel
(die tageszeitung, taz, vom 11.11.2003)
Damaskus - Es ist viertel nach neun am Morgen, und Wahid Akacheh
nimmt die erste Flasche Bier aus dem abschließbaren Kühlschrank
neben seinem Schreibtisch. Wenn Gäste kommen, die sich für
die Brauerei interessieren, dann müssen sie - pffft! macht
der Kronkorken - selbstverständlich erst mal das Produkt kosten.
"Hier geht keiner raus, bevor er nicht drei Flaschen getrunken
hat", stellt der Mann mit dem gepflegten Schnauzbart klar.
Ihm selbst reichen fünf Schlucke aus Höflichkeit, schließlich
muss er heute noch 20 weitere Flaschen testen. "Saha! Wohlsein!"
Herr
Akacheh regiert ein Reich mit 131 Angestellten, darunter sogar drei
Braumeisterinnen, unzähligen bunten Flaschen und - nicht zu
vergessen - fünf Millionen Litern Bier im Jahr. Der Produktionsdirektor
der Barada-Brauerei in Damaskus hat im zwar sozialistisch angehauchten,
aber überwiegend muslimischen Syrien nicht gerade einen Allerweltsjob.
"Es gibt keine Proteste religiöser Gruppen gegen uns",
versichert der Chef, der praktischerweise Mitglied der Regierungspartei
Bath ist. Überhaupt spiele Religion beim Bierbrauen keine Rolle.
60 Prozent seiner Angestellten seien Frauen und viele von ihnen
seien - wie er selbst - muslimisch. Wer wolle, der trinke. Wem es
sein Glaube verbiete, der enthalte sich eben.
Enthalten? In einer Brauerei? Zwar prangt über dem Eingang
zur Flaschenabfüllung in großen Lettern "Allahu
akbar", die rituelle muslimische Gebetsformel, doch innen rattern
die braunen, grünen und weißen Flaschen verlockend in
Augenhöhe auf Fließbändern vorüber. Frauen
mit Kopftüchern überprüfen die stark variierenden
Füllhöhen, ein Ingenieur drückt den Gästen auf
Geheiß des Chefs die zweite Flasche Barada in die Hand. "Saha!
Wohlsein!" Jetzt wird es aber Zeit, sich umzusehen. Die in
den Ecken gestapelten Kästen sind sogar noch bunter als die
Flaschen.
"Das kommt daher, dass die Bürokraten in der Verwaltung
uns mal dieses, mal jenes Material zuteilen", sagt der Chef
entschuldigend. Entscheidend ist der Inhalt, und der kann sich schmecken
lassen. Hat man sich erst einmal an die auffallende Süße
der zugesetzten Gerste gewöhnt, fällt der mit 3,5 Prozent
vergleichsweise niedrige Alkoholgehalt gar nicht mehr auf. Eisgekühlt
ist das Barada-Bier richtig lecker.
Wahid Akacheh macht ein Fass auf
Das scheinen nicht nur die Syrer zu finden, und deshalb haben die
Bierbrauer aus Damaskus im Jahr ihres 25-jährigen Jubiläums
einen Plan ausgeheckt. Schon länger produziert die 1978 mit
tschechischer Technik aus Pilsen erbaute Brauerei über Plansoll
und exportiert bescheidene Mengen nach Jordanien und in den Irak.
Jetzt aber macht Wahid Akacheh ein Fass auf. Er plant, sein aus
deutschem Hopfen, nordsyrischem Malz und südsyrischer Gerste
gebrautes Bier in Dosen abzufüllen und in die USA zu liefern.
Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn es schon politisch nicht
klappt, dann wenigstens kulinarisch. Dass die Amerikaner das Barada
mögen werden, kann man eingedenk der Gebräue, die sie
sich sonst zuführen, getrost annehmen.
Auf einer imaginären weltweiten Qualitätsskala positioniert
Akacheh, der sich am liebsten an tschechischem Budvar labt, sein
Barada "genau in der Mitte". Für Amerika reicht das
allemal.
Und
auch auf dem heimischen Markt zeigen alle Flaschenhälse nach
oben. Ausländische Biersorten, die für die meisten Syrer
unerschwinglich sind, muss die Barada-Brauerei nicht fürchten.
Der einzige Konkurrent kommt aus der nordsyrischen Stadt Aleppo,
wo jährlich sieben Millionen Liter Scharq gebraut werden. "Aber
unser Barada ist natürlich das beste Bier Syriens", versichert
der Chef, "wir haben nämlich eine bessere Technik und
viel bessere Zutaten." Am wichtigsten ist das Brauwasser aus
der Quelle des Barada-Flusses, des Namensgebers des Bieres.
Seit 1985 sorgt Herr Akacheh Tag für Tag dafür, dass die
syrischen Bierliebhaber nicht enttäuscht werden. Für sein
Produkt werben darf das Staatsunternehmen nicht, Alkoholwerbung
ist in Syrien aus Rücksicht auf die muslimische Bevölkerungsmehrheit
verboten. "Das macht aber nichts, wir haben unsere Kundschaft",
ist der Chef sich sicher und reicht den Gästen, inzwischen
wieder in seinem Büro, die dritte und letzte Flasche über
den Schreibtisch. Also noch mal: "Saha! Wohlsein!" Auf
die durstige Kundschaft in Übersee!
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