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Mit der Hedschas-Bahn von Amman nach Damaskus
Von Florian Harms - Fotos Lutz Jäkel
(Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.12.2003)
Amman/Damaskus - Von Unvernunft und Wahnsinn sprachen die wohlmeinenden
Warner, von stundenlanger Quälerei, ja von reinem Selbstmord
und davon, daß man hinterher seine Knochen einzeln zählen
könne. "Steigt da nicht ein", beschworen sie uns, und
natürlich stiegen wir ein. Spätestens als wir die daumengroßen
Pappstreifen mit dem Aufdruck "Jordan Railways: First Class"
in den Händen hielten, war es zu spät, um kehrtzumachen.
Wir sollten es nicht bereuen, denn uns stand eine Bahnfahrt bevor,
wie es sie so aufregend kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt.
Amman
ist alles andere als aufregend. In der jordanischen Hauptstadt reihen
sich zwar schicke Hotels und Computerfirmen aneinander, doch fehlt
der jungen Metropole Charme. Der Basar beschränkt sich auf zwei
Sträßchen, geschichtsträchtige Gebäude sind selten.
Doch es gibt sie - wie jenen kleinen Bahnhof, der im Stadtzentrum
versteckt liegt und von dem zweimal in der Woche die Hedschas-Eisenbahn
abfährt. Es ist ein Zug, den seit hundert Jahren Legenden umranken.
Um halb acht taucht die Morgensonne Bahnhof und Waggons in ein goldenes
Licht. Aus dem Licht tritt ein Männlein: Salih Schischtawi, siebenundsiebzig
Jahre alt. "Das ist doch gar nichts. Ich habe noch viel vor und
fühle mich wie sechzig", versichert er. An seinem schmalen,
anderthalb Meter kurzen, buckligen Körper schlottert ein grüner
Kittel, weiter oben prangt ein grauer Schnauzbart. Den Schraubenschlüssel
in der Linken, das Ölkännchen in der Rechten, hält
Salih seit einem Vierteljahrhundert als Zugmechaniker die Hedschas-Bahn
in Schuß. Er ist der letzte, der noch die Technik der alten
Waggons kennt. Vor allem die anfälligen Bremsen sind ein Geheimnis
für sich. "Die brauchen exakt sieben Tropfen Öl auf
fünfzig Kilometer", sagt Salih. Ohne sein Wissen drehten
sich die Räder der Bahn schon lange nicht mehr. "Gott sei
Dank bin ich noch jung und kräftig und kann meine Arbeit verrichten",
krächzt Salih. Liebevoll säubert er mit seinem Ärmel
das Schild auf einem Waggon. "Firma Arnold Jung in Jungenthal
bei Kirchen, Baujahr 1908" steht darauf.
Als der osmanische Sultan Abdulhamid II. im Jahr 1900 den Plan zum
Bau einer Eisenbahnlinie von Damaskus nach Mekka verkündete,
horchte die ganze Welt auf, denn es war viel mehr als ein nationales
Prestigeprojekt. Das Osmanische Reich war längst zu einer Marionette
der europäischen Mächte zurechtgestutzt worden, zudem machte
dem Sultan aufkommender Nationalismus in seinem Vielvölkerstaat
zu schaffen. Mit dem Bau der Hedschas-Bahn, die nach der Region um
Mekka benannt wurde, hoffte der "kranke Mann am Bosporus"
seine muslimischen Untertanen hinter sich zu vereinen. Offiziell sollte
die Bahn vor allem Pilger nach Mekka bringen. Doch aller Welt war
klar, daß sich mit diesem modernen Verkehrsmittel auch rasch
große Truppenkontingente verschieben ließen. In der aufgeheizten
Stimmung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mußte man das als
Säbelrasseln deuten.
Das
hielt den Sultan nicht von seinem Plan ab. Mit Geld aus Deutschland,
Ägypten, Persien und von muslimischen Spendern aus aller Welt
ließ er fünftausend Soldaten unter Anleitung des Leipziger
Ingenieurs Heinrich August Meissner eine eingleisige Schmalspurbahn
über Äcker und Wüstensand verlegen. Die Osmanen feierten
den Triumph der Moderne. 1903 erreichte die Hedschas-Bahn Amman, 1908
war die Strecke bis Medina fertiggestellt. Nur dreihundert Kilometer
fehlten noch bis Mekka, als der Sultan gestürzt und der Bau der
Bahn abgebrochen wurde. Doch die 1308 Kilometer lange Verbindung zwischen
Damaskus und Medina war ein voller Erfolg. Zwischen 1908 und 1914
rollten dreimal wöchentlich proppenvolle Züge hin und her.
Im Jahr 1912 wurden fast fünfzigtausend Passagiere gezählt.
Heute morgen sind es sechs Fahrgäste. Und der Zug ist kürzer
als damals: vorne eine amerikanische Diesellok aus den siebziger Jahren,
in der Mitte zwei Passagierwagen von 1900 und hinten einige Transportwaggons.
"Sakr al-Bab!" ruft Salih, das Kommando zum Türenschließen,
dann zuckelt der Veteran aus verwittertem Holz und rostigem Stahl
los. Zweihundert Kilometer bis Damaskus liegen vor uns. Mit dem Sammeltaxi
legt man die Strecke in knapp drei Stunden zurück. Die Hedschas-Bahn
braucht neun Stunden. Im Großraumwagen riecht es nach Öl,
Staub und Ziegen. Wer genauer schnuppert, wittert aber noch etwas
anderes: den Geruch von Geschichte. Wir hebeln die hölzernen
Schiebefenster auf und machen es uns auf den klapprigen, aber gepolsterten
Sitzbänken so bequem wie möglich. Mit zunehmender Geschwindigkeit
steigert sich das Ruckeln zu einem unregelmäßigen Schlingern.
Die Lok keucht und faucht, während sie die zappelnden Waggons
über die wackligen Gleise zerrt. Als das Ungeheuer sein Spitzentempo
von fünfzig Stundenkilometern erreicht, versteht man endlich,
wie Astronauten sich beim Raketenstart fühlen. Sein eigenes Wort
dagegen versteht man nicht mehr.
Das hält einen Bauern nicht davon ab, sich auf einer Bank auszustrecken,
den Kopf auf seine mit Waren vollgestopften Plastiktüten zu betten
und ein Nickerchen zu halten. Weiter vorne hat es sich eine Mutter
mit zwei Töchtern gemütlich gemacht. "Es hat auf der
Strecke noch nie einen Unfall gegeben", sagt Salih, bevor er
sich zum nächsten Wagen hangelt, um mit seinem Schraubenschlüssel
auf die Zugkupplung zu klopfen. "Aha, da fehlt Öl"
- schon zückt er sein Kännchen. Draußen rattert jetzt
ein Dorf vorbei. Fährt das Dorf oder der Zug? Bei dieser Kombination
aus Schneckentempo und Höllenlärm wird es zunehmend schwieriger,
das Raum- und Zeitgefühl zu bewahren. Wir fügen uns in unser
Schicksal. Fahren wir seit Stunden oder Tagen? Die Gedanken schweifen
zurück ins Jahr 1916. Natürlich waren die Briten und die
Franzosen vom Zug des Sultans alles andere als begeistert. Längst
hatten sie ihre Hand nach dem Vorderen Orient ausgestreckt. Da paßte
es nicht, daß dort nun ein modernes Transportmittel für
Zivilisten und Soldaten umherfuhr, das möglicherweise die Herrschaft
der Osmanen stabilisieren würde. Mit Hilfe ihres Agenten T. E.
Lawrence, der später den Beinamen "von Arabien" bekam,
initiierten die Briten 1916 einen Aufstand. Innerhalb von vier Monaten
sprengten Lawrence und seine Leute achtzig Brücken und siebzehn
Lokomotiven und unterbrachen so die Nachschubwege der Osmanen.
Das Mobiltelefon unseres Sitznachbarn bringt uns schlagartig in die
Gegenwart zurück. Der Mann, der nun gegen das Kreischen des Zuges
in sein Telefon schreit, heißt Chalid und hat sein Reisegepäck
auf ein Plastiktütchen beschränkt. Er fährt zum ersten
Mal mit der Hedschas-Bahn. "Wißt ihr, wenn man mit dem
Auto aus Amman hinausfährt, steht man oft lange in der Hitze
im Stau. Da dachte ich mir, ich probiere es einmal mit der Bahn",
sagt er und verteilt Fruchtbonbons aus seiner Tüte. Als Kühlschrankvertreter
ist er viel unterwegs und hat nur aus beruflicher Sicht nichts gegen
Hitze. Aber ist stundenlanges Geruckel besser? "Mit der Hedschas-Bahn
zu fahren ist Sport!" ruft Chalid und winkt einem Hirten zu,
der zwischen Olivenhainen seine Schafe weidet.
Das Land ist fruchtbar hier, schon vor zweitausend Jahren diente es
dem Römischen Reich als Kornkammer. "Es ist ein wunderbares
Land, aber weil es so wunderbar ist, gibt es immer Streit darum",
sagt Salih. Er wurde in Jerusalem geboren und mußte während
des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948 mit seinen Eltern nach
Jordanien fliehen. Seine Familie zerbrach daran und verstreute sich
in alle Welt. "Irgendwo in Deutschland habe ich eine Enkelin,
aber sie hat sich seit Jahren nicht gemeldet." Dann werden seine
Worte vom Quietschen der Bremsen unterbrochen, und der Zug bleibt
stehen.
Alle
Fahrgäste springen zu den Fenstern. Was ist los? Doch ein Unfall?
Meilenweit ist keine Straße und kein Haus zu sehen. Nur ein
Mann steht neben den Gleisen. Der Zugführer lehnt sich aus seinem
Führerstand und drückt dem erschöpften Wanderer ein
Glas Tee in die Hand: "Trinke ein Schlückchen, das stärkt
dich." "Hab Dank, Gott segne dich." "Gern geschehen.
Auf Wiedersehen." Der Zugführer blickt nach hinten, Salih
träufelt noch schnell einige Tropfen Öl in die Bremskästen,
gibt dann ein Zeichen, und weiter geht es. Später hält der
Zugführer noch zweimal auf freier Strecke. Einmal händigt
er zwei neben den Gleisen wartenden Männern ihre Post aus. Ein
anderes Mal verlassen die Fahrgäste den Zug, um in einem Schuppen
das Nachmittagsgebet zu verrichten. Nach viereinhalb Stunden passieren
wir die Grenze zu Syrien. In der Ferne sind Hunderte türkischer
Lastwagen zu sehen, die sich auf dem Weg in die Golfstaaten am Zoll
stauen. "Wir sind schneller", freut sich Salih. Dann sagt
er uns Lebewohl, denn er ist nur für die jordanische Seite zuständig.
"Schaut euch den Hedschas-Bahnhof in Damaskus an", befiehlt
er noch, um nun endgültig mit seinem Ölkännchen zu
verschwinden.
Nach einer Dreiviertelstunde Aufenthalt steigen wir um in den syrischen
Zug, der noch staubiger, klappriger und lauter ist. Eine Bäuerin
mit zwanzig Taschen und gefälschtem Gucci-Kopftuch steigt zu
und eine Familie: Der Vater raucht und redet, die verschleierte Mutter
pafft und lauscht, die Tochter malt, was sie draußen vorbeiziehen
sieht, in den Staub auf den Sitzen: Häuser, Ziegen, Bauern. Hier
macht der Zug nur fünfzehn bis dreißig Stundenkilometer
und ruckelt so heftig, daß jeder umfällt, der sich nicht
festhält. Meter für Meter kämpft er sich voran, röhrt
und brüllt. Wir sind erleichtert, als wir nach neun Stunden die
Vororte von Damaskus erreichen. Winkende Kinder rennen neben der tobenden
Diesellok her.
Keine Stadt im Vorderen Orient hat mehr Charme als das fünftausendjährige
Damaskus. Dem Zauber der Gassen und Basare in der Altstadt kann niemand
widerstehen. Es ist ein Jammer, daß der Zug nicht mehr im alten
Bahnhof im Zentrum, sondern im Süden der Stadt ankommt. Also
klopfen wir den Staub von Kleidern und Gepäck, zählen unsere
Knochen, die alle noch da sind, und fahren mit dem Taxi zum Hedschas-Bahnhof,
um die Reise abzuschließen. Majestätisch thront das neoklassizistische
Gebäude am Rand eines Platzes. Im Büro des Direktors erfahren
wir, daß eine saudische Firma derzeit für fünfzig
Millionen Dollar einen modernen Bahnhofskomplex mit Geschäften
und Hotels hinter dem alten Gebäude baut. Die historische Schalterhalle
mit der bemalten Holzdecke und den bunten Fensterscheiben soll in
den Neubau integriert werden. Als Nostalgiker empören wir uns
trotzdem über das Projekt, da ihm das legendäre Hedschas-Café
zum Opfer fallen wird, in dem sich seit Jahrzehnten alte Männer
zum Kartenspiel und Jugendliche zur Wasserpfeife treffen. Wir setzen
uns an die Holztischchen, bestellen Kaffee, reiben glücklich
unsere strapazierten Glieder.
Informationen: Die Hedschas-Bahn verkehrt Montag und
Donnerstag zwischen Amman und Damaskus. Abfahrt in Amman ist etwa
um 7.30 Uhr, Tickets kosten fünf Euro. Das Museum der Deutschen
Bahn in Nürnberg zeigt noch bis zum 29. Februar die Ausstellung
"Bagdad- und Hedschasbahn" (www.bahn.de/museum).
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