HARMS & JÄKEL REPORTS

Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 

Das kleine Ölkännchen des großen Magiers Salih

Mit der Hedschas-Bahn von Amman nach Damaskus

Von Florian Harms - Fotos Lutz Jäkel

(Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.12.2003)

Amman/Damaskus - Von Unvernunft und Wahnsinn sprachen die wohlmeinenden Warner, von stundenlanger Quälerei, ja von reinem Selbstmord und davon, daß man hinterher seine Knochen einzeln zählen könne. "Steigt da nicht ein", beschworen sie uns, und natürlich stiegen wir ein. Spätestens als wir die daumengroßen Pappstreifen mit dem Aufdruck "Jordan Railways: First Class" in den Händen hielten, war es zu spät, um kehrtzumachen. Wir sollten es nicht bereuen, denn uns stand eine Bahnfahrt bevor, wie es sie so aufregend kaum ein zweites Mal auf der Welt gibt.

Mechaniker Salih. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Amman ist alles andere als aufregend. In der jordanischen Hauptstadt reihen sich zwar schicke Hotels und Computerfirmen aneinander, doch fehlt der jungen Metropole Charme. Der Basar beschränkt sich auf zwei Sträßchen, geschichtsträchtige Gebäude sind selten. Doch es gibt sie - wie jenen kleinen Bahnhof, der im Stadtzentrum versteckt liegt und von dem zweimal in der Woche die Hedschas-Eisenbahn abfährt. Es ist ein Zug, den seit hundert Jahren Legenden umranken.

Um halb acht taucht die Morgensonne Bahnhof und Waggons in ein goldenes Licht. Aus dem Licht tritt ein Männlein: Salih Schischtawi, siebenundsiebzig Jahre alt. "Das ist doch gar nichts. Ich habe noch viel vor und fühle mich wie sechzig", versichert er. An seinem schmalen, anderthalb Meter kurzen, buckligen Körper schlottert ein grüner Kittel, weiter oben prangt ein grauer Schnauzbart. Den Schraubenschlüssel in der Linken, das Ölkännchen in der Rechten, hält Salih seit einem Vierteljahrhundert als Zugmechaniker die Hedschas-Bahn in Schuß. Er ist der letzte, der noch die Technik der alten Waggons kennt. Vor allem die anfälligen Bremsen sind ein Geheimnis für sich. "Die brauchen exakt sieben Tropfen Öl auf fünfzig Kilometer", sagt Salih. Ohne sein Wissen drehten sich die Räder der Bahn schon lange nicht mehr. "Gott sei Dank bin ich noch jung und kräftig und kann meine Arbeit verrichten", krächzt Salih. Liebevoll säubert er mit seinem Ärmel das Schild auf einem Waggon. "Firma Arnold Jung in Jungenthal bei Kirchen, Baujahr 1908" steht darauf.

Als der osmanische Sultan Abdulhamid II. im Jahr 1900 den Plan zum Bau einer Eisenbahnlinie von Damaskus nach Mekka verkündete, horchte die ganze Welt auf, denn es war viel mehr als ein nationales Prestigeprojekt. Das Osmanische Reich war längst zu einer Marionette der europäischen Mächte zurechtgestutzt worden, zudem machte dem Sultan aufkommender Nationalismus in seinem Vielvölkerstaat zu schaffen. Mit dem Bau der Hedschas-Bahn, die nach der Region um Mekka benannt wurde, hoffte der "kranke Mann am Bosporus" seine muslimischen Untertanen hinter sich zu vereinen. Offiziell sollte die Bahn vor allem Pilger nach Mekka bringen. Doch aller Welt war klar, daß sich mit diesem modernen Verkehrsmittel auch rasch große Truppenkontingente verschieben ließen. In der aufgeheizten Stimmung Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mußte man das als Säbelrasseln deuten.

Alter Streckenabschnitt im Wadi Rum/Jordanien. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Das hielt den Sultan nicht von seinem Plan ab. Mit Geld aus Deutschland, Ägypten, Persien und von muslimischen Spendern aus aller Welt ließ er fünftausend Soldaten unter Anleitung des Leipziger Ingenieurs Heinrich August Meissner eine eingleisige Schmalspurbahn über Äcker und Wüstensand verlegen. Die Osmanen feierten den Triumph der Moderne. 1903 erreichte die Hedschas-Bahn Amman, 1908 war die Strecke bis Medina fertiggestellt. Nur dreihundert Kilometer fehlten noch bis Mekka, als der Sultan gestürzt und der Bau der Bahn abgebrochen wurde. Doch die 1308 Kilometer lange Verbindung zwischen Damaskus und Medina war ein voller Erfolg. Zwischen 1908 und 1914 rollten dreimal wöchentlich proppenvolle Züge hin und her. Im Jahr 1912 wurden fast fünfzigtausend Passagiere gezählt.

Heute morgen sind es sechs Fahrgäste. Und der Zug ist kürzer als damals: vorne eine amerikanische Diesellok aus den siebziger Jahren, in der Mitte zwei Passagierwagen von 1900 und hinten einige Transportwaggons. "Sakr al-Bab!" ruft Salih, das Kommando zum Türenschließen, dann zuckelt der Veteran aus verwittertem Holz und rostigem Stahl los. Zweihundert Kilometer bis Damaskus liegen vor uns. Mit dem Sammeltaxi legt man die Strecke in knapp drei Stunden zurück. Die Hedschas-Bahn braucht neun Stunden. Im Großraumwagen riecht es nach Öl, Staub und Ziegen. Wer genauer schnuppert, wittert aber noch etwas anderes: den Geruch von Geschichte. Wir hebeln die hölzernen Schiebefenster auf und machen es uns auf den klapprigen, aber gepolsterten Sitzbänken so bequem wie möglich. Mit zunehmender Geschwindigkeit steigert sich das Ruckeln zu einem unregelmäßigen Schlingern. Die Lok keucht und faucht, während sie die zappelnden Waggons über die wackligen Gleise zerrt. Als das Ungeheuer sein Spitzentempo von fünfzig Stundenkilometern erreicht, versteht man endlich, wie Astronauten sich beim Raketenstart fühlen. Sein eigenes Wort dagegen versteht man nicht mehr.

Das hält einen Bauern nicht davon ab, sich auf einer Bank auszustrecken, den Kopf auf seine mit Waren vollgestopften Plastiktüten zu betten und ein Nickerchen zu halten. Weiter vorne hat es sich eine Mutter mit zwei Töchtern gemütlich gemacht. "Es hat auf der Strecke noch nie einen Unfall gegeben", sagt Salih, bevor er sich zum nächsten Wagen hangelt, um mit seinem Schraubenschlüssel auf die Zugkupplung zu klopfen. "Aha, da fehlt Öl" - schon zückt er sein Kännchen. Draußen rattert jetzt ein Dorf vorbei. Fährt das Dorf oder der Zug? Bei dieser Kombination aus Schneckentempo und Höllenlärm wird es zunehmend schwieriger, das Raum- und Zeitgefühl zu bewahren. Wir fügen uns in unser Schicksal. Fahren wir seit Stunden oder Tagen? Die Gedanken schweifen zurück ins Jahr 1916. Natürlich waren die Briten und die Franzosen vom Zug des Sultans alles andere als begeistert. Längst hatten sie ihre Hand nach dem Vorderen Orient ausgestreckt. Da paßte es nicht, daß dort nun ein modernes Transportmittel für Zivilisten und Soldaten umherfuhr, das möglicherweise die Herrschaft der Osmanen stabilisieren würde. Mit Hilfe ihres Agenten T. E. Lawrence, der später den Beinamen "von Arabien" bekam, initiierten die Briten 1916 einen Aufstand. Innerhalb von vier Monaten sprengten Lawrence und seine Leute achtzig Brücken und siebzehn Lokomotiven und unterbrachen so die Nachschubwege der Osmanen.

Das Mobiltelefon unseres Sitznachbarn bringt uns schlagartig in die Gegenwart zurück. Der Mann, der nun gegen das Kreischen des Zuges in sein Telefon schreit, heißt Chalid und hat sein Reisegepäck auf ein Plastiktütchen beschränkt. Er fährt zum ersten Mal mit der Hedschas-Bahn. "Wißt ihr, wenn man mit dem Auto aus Amman hinausfährt, steht man oft lange in der Hitze im Stau. Da dachte ich mir, ich probiere es einmal mit der Bahn", sagt er und verteilt Fruchtbonbons aus seiner Tüte. Als Kühlschrankvertreter ist er viel unterwegs und hat nur aus beruflicher Sicht nichts gegen Hitze. Aber ist stundenlanges Geruckel besser? "Mit der Hedschas-Bahn zu fahren ist Sport!" ruft Chalid und winkt einem Hirten zu, der zwischen Olivenhainen seine Schafe weidet.

Das Land ist fruchtbar hier, schon vor zweitausend Jahren diente es dem Römischen Reich als Kornkammer. "Es ist ein wunderbares Land, aber weil es so wunderbar ist, gibt es immer Streit darum", sagt Salih. Er wurde in Jerusalem geboren und mußte während des ersten arabisch-israelischen Krieges 1948 mit seinen Eltern nach Jordanien fliehen. Seine Familie zerbrach daran und verstreute sich in alle Welt. "Irgendwo in Deutschland habe ich eine Enkelin, aber sie hat sich seit Jahren nicht gemeldet." Dann werden seine Worte vom Quietschen der Bremsen unterbrochen, und der Zug bleibt stehen.

Teepause an einem Bahnhof. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Alle Fahrgäste springen zu den Fenstern. Was ist los? Doch ein Unfall? Meilenweit ist keine Straße und kein Haus zu sehen. Nur ein Mann steht neben den Gleisen. Der Zugführer lehnt sich aus seinem Führerstand und drückt dem erschöpften Wanderer ein Glas Tee in die Hand: "Trinke ein Schlückchen, das stärkt dich." "Hab Dank, Gott segne dich." "Gern geschehen. Auf Wiedersehen." Der Zugführer blickt nach hinten, Salih träufelt noch schnell einige Tropfen Öl in die Bremskästen, gibt dann ein Zeichen, und weiter geht es. Später hält der Zugführer noch zweimal auf freier Strecke. Einmal händigt er zwei neben den Gleisen wartenden Männern ihre Post aus. Ein anderes Mal verlassen die Fahrgäste den Zug, um in einem Schuppen das Nachmittagsgebet zu verrichten. Nach viereinhalb Stunden passieren wir die Grenze zu Syrien. In der Ferne sind Hunderte türkischer Lastwagen zu sehen, die sich auf dem Weg in die Golfstaaten am Zoll stauen. "Wir sind schneller", freut sich Salih. Dann sagt er uns Lebewohl, denn er ist nur für die jordanische Seite zuständig. "Schaut euch den Hedschas-Bahnhof in Damaskus an", befiehlt er noch, um nun endgültig mit seinem Ölkännchen zu verschwinden.

Nach einer Dreiviertelstunde Aufenthalt steigen wir um in den syrischen Zug, der noch staubiger, klappriger und lauter ist. Eine Bäuerin mit zwanzig Taschen und gefälschtem Gucci-Kopftuch steigt zu und eine Familie: Der Vater raucht und redet, die verschleierte Mutter pafft und lauscht, die Tochter malt, was sie draußen vorbeiziehen sieht, in den Staub auf den Sitzen: Häuser, Ziegen, Bauern. Hier macht der Zug nur fünfzehn bis dreißig Stundenkilometer und ruckelt so heftig, daß jeder umfällt, der sich nicht festhält. Meter für Meter kämpft er sich voran, röhrt und brüllt. Wir sind erleichtert, als wir nach neun Stunden die Vororte von Damaskus erreichen. Winkende Kinder rennen neben der tobenden Diesellok her.

Keine Stadt im Vorderen Orient hat mehr Charme als das fünftausendjährige Damaskus. Dem Zauber der Gassen und Basare in der Altstadt kann niemand widerstehen. Es ist ein Jammer, daß der Zug nicht mehr im alten Bahnhof im Zentrum, sondern im Süden der Stadt ankommt. Also klopfen wir den Staub von Kleidern und Gepäck, zählen unsere Knochen, die alle noch da sind, und fahren mit dem Taxi zum Hedschas-Bahnhof, um die Reise abzuschließen. Majestätisch thront das neoklassizistische Gebäude am Rand eines Platzes. Im Büro des Direktors erfahren wir, daß eine saudische Firma derzeit für fünfzig Millionen Dollar einen modernen Bahnhofskomplex mit Geschäften und Hotels hinter dem alten Gebäude baut. Die historische Schalterhalle mit der bemalten Holzdecke und den bunten Fensterscheiben soll in den Neubau integriert werden. Als Nostalgiker empören wir uns trotzdem über das Projekt, da ihm das legendäre Hedschas-Café zum Opfer fallen wird, in dem sich seit Jahrzehnten alte Männer zum Kartenspiel und Jugendliche zur Wasserpfeife treffen. Wir setzen uns an die Holztischchen, bestellen Kaffee, reiben glücklich unsere strapazierten Glieder.

Informationen: Die Hedschas-Bahn verkehrt Montag und Donnerstag zwischen Amman und Damaskus. Abfahrt in Amman ist etwa um 7.30 Uhr, Tickets kosten fünf Euro. Das Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg zeigt noch bis zum 29. Februar die Ausstellung "Bagdad- und Hedschasbahn" (www.bahn.de/museum).

Zurück zum Inhalt

 

                                                                                                                    
Impressum - Probleme mit der Website? Wenden Sie sich an webmaster@harms-jaekel.com