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Vor siebzehn Jahren explodierte der Reaktorblock 4 des sowjetischen
Atomkraftwerks Tschernobyl. Die UdSSR ist mittlerweile untergegangen,
doch das heute zur Ukraine gehörende Tschernobyl strahlt weiter.
Geschäftstüchtige Behörden wollen nun aus der Sperrzone
um das stillgelegte Kraftwerk eine Touristenattraktion machen. Die
Gefahren eines Besuchs werden verschwiegen
von Florian Harms
(die tageszeitung, taz, vom 26.04.2003)
Nördliche Ukraine - Eine wunderschöne Natur. Schlanke
Birken und knorrige Pinien wurzeln in sandigem Boden, ein Flüsschen
schlängelt sich durch frisch gemähte Wiesen. Wohin wird
das Heu gebracht? Wie viel wird an die Kühe, die am Horizont
entlang trotten, verfüttert? Wer bekommt die Milch der Kühe
zu trinken? Diese Fragen drängen sich dem Besucher als erste
auf, nachdem er frühmorgens in der ukrainischen Hauptstadt
Kiew aufgebrochen ist, um hundert Kilometer in den Norden, bis fast
an die weißrussische Grenze, zu fahren. Später werden
es viele Fragen mehr sein.
Am Morgenhimmel ballen sich graue Wolken, zwischen den rostenden
Bushaltestellen am Straßenrand stehen vereinzelt Holzkreuze.
Sie erinnern nicht an Verkehrstote, sondern an die Opfer einer Katastrophe,
die siebzehn Jahre zurückliegt, deren Folgen aber noch in dutzenden,
womöglich hunderten von Jahren spürbar sein werden. Plötzlich
hören die Schlaglöcher auf der schnurgeraden Straße
auf, dann eine Abzweigung: Tschernobyl. An einem Checkpoint, dreißig
Kilometer vor dem Ziel, muss der Reisende den Bus wechseln, um hineinzufahren
in die berüchtigtste Sperrzone der Welt. Eine resolute Nachrichtenoffizierin
steigt zu und schmettert den Besuchern ein "Willkommen in Tschernobyl!"
entgegen.
Geht es nach dem Willen der ukrainischen Behörden, sollen so
schnell wie möglich neben Wissenschaftlern, Politikern und
Journalisten auch Hunderte ganz normaler Touristen in der 2.600
Quadratkilometer großen Sperrzone um den am 26. April 1986
explodierten Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks begrüßt
werden. Die Behörde "Chornobylinterinform Agency"
bietet bereits Tagestouren an und will das Projekt nun verstärkt
vorantreiben. Ihre Vertreter geben sich enorme Mühe, den Ort,
dessen Name als Synonym für die größte Katastrophe
in der zivilen Nutzung der Kernenergie gilt, als ungefährlich
darzustellen. "Die Sperrzone ist sicher", sagt Vizedirektor
Nikolai Petrow und fügt beflissen hinzu: "Wir fürchten
uns hier vor nichts, wir sind Optimisten. Nur Pessimisten sterben."
Zehntausend Tonnen radioaktiver Staub
In einem Konferenzraum, zwischen dunkelbraunen Möbeln aus Sowjetzeiten
erläutert Petrow den Besuchern die Messungs- und Entsorgungstätigkeiten
der viertausend Wissenschaftler, Ingenieure und Bauarbeiter, die
im 15-Tage-Rhythmus in der Sperrzone arbeiten. Das derzeit aufwendigste
Projekt ist die Planung einer neuen, 768 Millionen Dollar teuren
Schutzhülle, die bis zum Jahr 2008 den undichten Sarkophag
um den Unglücksreaktor ergänzen soll. Touristen dürfen
bis an den Stacheldrahtzaun um das am 15. Dezember 2000 vollständig
stillgelegte Kraftwerk herangehen. Das Messgerät zeigt achthundert
Röntgenmikrogramm radioaktive Strahlung pro Stunde an, das
ist nicht mehr als die kosmische Strahlung, die man während
eines Atlantikflugs abbekommt. Doch dass man winzige Partikel des
radioaktiven Staubs einatmet, von dem sich noch heute rund zehntausend
Tonnen im Innern des undichten Sarkophags befinden, kann niemand
ausschließen. Aufgrund der Staubbelastung sind in den vergangenen
Jahren mindestens zweitausend Menschen in der weiteren Umgebung
des Kraftwerks an Schilddrüsenkrebs erkrankt.
Oleg, der in Kiew japanische Autos verkauft, hat sich für den
Ausflug ins Katastrophengebiet seinen alten blauroten Trainingsanzug
übergestreift - den kann er hinterher wegschmeißen. "Reine
Vorsichtsmaßnahme", sagt er, "die Behörden
beteuern, ein Besuch in Tschernobyl sei ungefährlich. Aber
in den Zeitungen steht immer wieder das Gegenteil."
Es ist ein ganz neues Konzept, das Vizedirektor Petrow und sein
Chef Pawel Pokutny entwickeln wollen: Umwelttourismus im Katastrophengebiet.
Weil die Natur in der Sperrzone seit siebzehn Jahren vom Menschen
kaum gestört wurde, hat sich eine seltene Artenvielfalt entwickelt.
Andernorts vom Aussterben bedrohte Tiere wie Wölfe und Wildpferde
streifen durch die Wälder und Wiesen. Den Seeadlern macht es
nichts aus, dass die Bäume, über denen sie kreisen, hochgradig
strahlen, da sie in kontaminiertem Boden wurzeln. Dreitausend Röntgenmikrogramm
radioaktive Strahlung pro Stunde und mehr werden in den Wäldern
gemessen. Niemand darf sich den Bäumen ohne Schutzkleidung
nähern. Auf die Frage, was im Herbst mit den herunterfallenden
und vom Wind davongetragenen Blättern passiert, findet die
Nachrichtenoffizierin keine Antwort. Oleg sagt auch nichts.
"Eine außergewöhnliche Chance"
In einem Bericht vom Januar 2002 haben Experten im Auftrag der UNO
vorgeschlagen, die Möglichkeiten des Wissenschafts- und Umwelttourismus
in der Sperrzone auszuloten. Die Idee ist Teil eines radikalen Umdenkens:
Weil es für die sieben Millionen Menschen in der weiteren Region
um Tschernobyl wirtschaftlich immer steiler bergab geht, soll die
Abschottung durch eine gezielte Förderung abgelöst werden.
"Es klingt seltsam, aber gerade in der Sperrzone hat die Natur
eine außergewöhnliche Chance", sagt Kalman Mizsei
vom UN-Entwicklungsprogramm UNDP. Daran knüpfen nun ukrainische
Reiseveranstalter wie etwa "Sam" die Hoffnung, zahlungskräftige
Touristen anzulocken, die in der Sperrzone eine unberührte,
aber verstrahlte Natur erleben wollen. Der Verdacht, dass man unter
dem Deckmantel des ökologischen Interesses auch auf die Sensationslüsternheit
von Abenteuerausflüglern spekuliert, wird nicht ausgeräumt:
Nervenkitzel zum Preis von 193 Dollar.
Die Risiken eines Besuchs in Tschernobyl sind zumindest umstritten.
Die direkte Strahlendosis scheint verkraftbar, doch die Staubbelastung
und kaum einschätzbare Langzeitgefährdungen der Gesundheit
durch den Kontakt mit kontaminierten Gegenständen oder Pflanzen
- etwa bei einem Rundgang durch die drei Kilometer vom Atomkraftwerk
entfernte "tote Stadt" Pribjat - werden nicht ausgeschlossen.
Niemand hält einen davon ab, in dem verfallenden "Kulturpalast"
über Trümmer sozialistischer Wandgemälde und herumliegende
Möbelstücke zu klettern. Fragen nach möglichen Gesundheitsgefahren
bleiben unbeantwortet. Auch Oleg schweigt, schaut nur auf die Betonruinen.
"Es ist kaum kontrollierbar, dass Touristen sich nur in dekontaminierten
Bereichen bewegen oder dass sie keine verstrahlten 'Souvenirs' mitnehmen
und so auch andere gefährden", gibt Stefan Füglister,
ehemaliger Kampagnenleiter "Atom" von Greenpeace, zu bedenken.
Er kennt die Verhältnisse in der Sperrzone und die Nachlässigkeit
der Behörden ebenso aus eigener Anschauung wie Martin Walter
aus dem Vorstand der Ärzte zur Verhinderung des Atomkriegs.
"Mir macht weniger die erhöhte Hintergrundstrahlung Sorgen
als viel eher die Möglichkeit, Staubpartikel mit ungewisser
Belastung - etwa Plutonium - eingeatmet zu haben", meint Walter.
Die Weltöffentlichkeit an der Nase herumgeführt
Peter Hählen, Geschäftsführer der Schweizerischen
Vereinigung für Atomenergie und ebenfalls seit Jahren mit Tschernobyl
vertraut, hält dagegen: "Uns ist kein Fall bekannt, dass
ukrainische Experten in Sicherheitsfragen gemogelt hätten.
Wenn jemand sich durch eigene Anschauung ein Bild von Tschernobyl
machen will, ist es keine Lösung, zu sagen: Das geht nicht."
Der Strahlenmediziner Edmund Lengfelder vom Otto Hug Institut in
München, der ebenfalls mehrmals in Tschernobyl war, hält
die Strahlenbelastung bei einem geführten Tagesausflug für
ungefährlich. Allerdings rät er, Hand-Mund-Kontakte zu
vermeiden, um keine belasteten Partikel zu inhalieren, etwa beim
Rauchen. "Jenseits der Wege erhöht sich die Strahlung
innerhalb weniger Meter auf ein Zigfaches", warnt er und trifft
wohl den Kern des Problems, wenn er sagt: "Indem man Tschernobyl
für Touristen öffnet, wird der Eindruck erweckt, man habe
dort alles im Griff. Das stimmt aber nicht. Die Weltöffentlichkeit
wird an der Nase herumgeführt."
Was Touristen außer dem wissenschaftlichen Interesse nach
Tschernobyl ziehen könnte, ist wohl allenfalls die Faszination
des Grauens, ohne wirklich mit dem Grauen konfrontiert zu werden
- etwa den nach der Katastrophe mit Missbildungen geborenen Kindern
und den erbärmlichen Lebensbedingungen im Norden der Ukraine
und im Südosten Weißrusslands. In der einst 47.000 Einwohner
zählenden Stadt Pribjat dagegen wohnt niemand mehr. Gräser
und Sträucher haben die Straßen zurückerobert, fahles
Licht fällt in fensterlose Plattenbauten. Es ist totenstill.
Man sieht, hört, riecht und spürt sie nicht, doch auf
jedem Grashalm und an jedem Sandkorn lastet die Strahlung. Hier
hat der Mensch die Natur zu seinem Feind gemacht. Eine wunderschöne
Natur.
17 Jahre danach
Einen Test der Turbogeneratoren wollten die Ingenieure des AKW Tschernobyl
in der Nacht zum 26. April 1986 am Reaktorblock 4 durchführen.
Als der Test außer Kontrolle geriet, erhitzte sich der Block
innerhalb von Sekunden und explodierte um 1.24 Uhr. Zweihundert
verschiedene radioaktive Stoffe wurden in die Atmosphäre geschleudert,
ein dreitausend Grad Celsius heißes Feuer brach aus.
Einige aus dem Reaktor geschleuderte Grafitstücke strahlten
so stark, dass nach einer Minute die für ein ganzes Menschenleben
als tolerierbar eingeschätzte Strahlendosis erreicht war. Winde
wehten den radioaktiven Fallout zu siebzig Prozent ins heutige Weißrussland,
die radioaktive Wolke zog dreimal um den Erdball.
Die sowjetische Führung versuchte lange, die Katastrophe zu
verheimlichen. Erst an den folgenden Tagen wurden 135.000 Menschen
aus der unmittelbaren Umgebung evakuiert (www.un.kiev.ua/en/chornobyl).
Ende 1986 wurde trotz internationaler Proteste der Betrieb der Blöcke
1 und 2 wieder aufgenommen, erst vor zwei Jahren wurde das AKW endgültig
stillgelegt. Unter www.cherno byl.info findet man Informationen
über Entscheidungsträger, Hilfsorganisationen und Opfer
der Katastrophe.
Laut dem UNO-Bericht (www.un.org/ha/chernobyl/report.pdf) leiden
heute noch sieben Millionen Menschen unter den gesundheitlichen
und sozialen Folgen der Katastrophe. In den kommenden Jahren dürfte
die Zahl der an Schilddrüsenkrebs Erkrankten auf bis zu zehntausend
ansteigen.
Nach Angaben des Vereins "Leben nach Tschernobyl" (www.leben-nach-tschernobyl-ev.de)
hat sich der Gesundheitszustand weiter Teile der weißrussischen
Bevölkerung erheblich verschlechtert, nur jedes fünfte
Kind gilt demnach heute als vollständig gesund. Knapp 450 alte
Leute sind trotz des Verbots in die Sperrzone zurückgekehrt,
um nicht an einem fremden Ort sterben zu müssen.
Die Arbeiter in der Zone haben unter anderem die Aufgabe, die im
Sommer ausbrechenden Waldbrände zu löschen, damit keine
strahlenden Rußpartikel verweht werden. Die Ukraine gibt jährlich
zirka zwölf Prozent ihres Haushalts für die Folgekosten
des Reaktorunglücks aus. Der neue Sarkophag wird hauptsächlich
mit internationalen Hilfsgeldern finanziert.
Nach Angaben der Chronobylinterinform Agency wurden bisher zehntausend
Wissenschaftler, Politiker und Journalisten in die Sperrzone geführt.
Schwangeren und Minderjährigen ist der Zutritt untersagt.
Das ukrainische Reisebüro Sam bietet Tagesausflüge in
die Zone an: www.sam.com.ua. Für zwei Besucher verbilligt sich
der Preis auf 105 Dollar pro Person, für drei auf 95 Dollar.
Die Tour umfasst eine Einführung, einen Ausblick auf das AKW,
einen Rundgang durch Pribjat und ein Mittagessen ("Die Qualität
des Essens wird garantiert").
Die "Agency" gibt an: "Die Partikel an Autos, Kleidern
und Schuhen derjenigen, die die Zone nach einem Arbeitseinsatz oder
einem Besuch verlassen, machen heute rund neunzig Prozent der aus
dem Sperrgebiet austretenden Radioaktivität aus." Für
das Projekt Umwelttourismus.
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