HARMS & JÄKEL REPORTS

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"Besser als Nizza"

Die Krim lockt mit natürlichen und historischen Reizen

Von Florian Harms

(Neue Zürcher Zeitung vom 20.02.2003)

Jalta - Hier also haben Mikhail und Raissa Gorbatschew ihre Nachmittagsschläfchen gehalten: ein schlichtes Ehebett aus weißem Holz, auf den ebenfalls weißen Nachttischen kleine Porzellanlampen. Nein, es war keinesfalls luxuriös, das Schlafzimmer des letzten sowjetischen Staatschefs in seiner Feriendatscha nahe Jalta an der Südküste der Krim. Aber ein Blick aus dem Fenster genügt, um den Reichtum der umgebenden Natur zu gewahren. Leise wogen die Schwarzmeerwellen an einen Badesteg, der das warme Wasser mit herrlichen Parkanlagen verbindet. Springbrunnen plätschern zwischen Kiefern und Pinien, durch die Zweige schweift der Blick auf bewaldete Berghänge, die sich wiederum als Klippen im Meer verlieren. Ja, hier ließen sich Körper und Geist trefflich erholen nach anstrengenden Politbürositzungen. So wohl fühlten sich die Gorbatschews hier, dass Madame sogar geruhte, die unifarbenen Kacheln im Badezimmer gegen solche mit Blumenmuster austauschen zu lassen. "Sonst sieht das hier ja aus wie in einem Operationssaal!", soll sie damals, 1985, gesagt haben.

Im Bett eines Staatschefs schlummern

Die Gorbatschews waren nicht die Ersten, die das milde Klima und die abwechslungsreiche Landschaft der Krim schätzten. Stalin, Breschnew, Tschernenko - alle hatten sie hier ihre Ferienhäuser, hermetisch abgeschirmt von der real existierenden Außenwelt. Vergilbte Schwarzweiß-Photographien an den Wänden zeugen vom spießigen Pathos sozialistischer Feriengipfel: Honecker, Ceausescu und Chruschtschew beim gezwungenen Plausch in der
Gartenlaube. Vor sechs Jahren hat die ukrainische Steuerbehörde, eine kaum transparentere Herrenrunde als einst das Politbüro, die gesamte Anlage übernommen und diese in bester kapitalistischer Manier zu einer noblen Ferienanlage umgestaltet. Zwischen 40 und 70 Dollar kostet eine der 87 Suiten pro Nacht (Reservierung über www.crimee.com/gl.html), vor allem Touristen aus Amerika, Russland und Israel sollen erpicht darauf sein, einmal im Bett eines sowjetischen Staatschefs zu schlummern.

Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Reize, die sich dem Besucher der heute zur Ukraine gehörenden Krim und ihrer 1000 Kilometer langen Küsten bieten. Auf dem Flug in die Provinzhauptstadt Simferopol lohnt sich ein Zwischenstopp in Kiew, um die wohl schönsten Kirchen der orthodoxen Christenheit, die Sophien-Kathedrale und das Höhlenkloster, zu bewundern. Von Simferopol geht es dann mit dem Bus in einen der Küstenorte, wegen seiner zahlreichen Hotels bietet sich Jalta an. Von dem einstigen Modekurort der Aristokratie und des Bürgertums lassen sich die schönsten historischen und Naturschauplätze in Tagestouren erreichen. Und weil Dutzende von Völkern über die "Perle der Schwarzmeerküste" zogen, findet der Besucher auf der Krim Zeugnisse verschiedenster Kulturen auf engem Raum. Ob Griechen, Goten oder Genueser Kaufleute, ob Mongolen, Türken, Tataren oder Russen - alle hinterließen sie ihre Spuren. Nur die potemkinschen Dörfer, die der Gouverneur Katharinas II. im Jahr 1787 angeblich errichten ließ, um der Zarin Bevölkerung und Wohlstand des neu annektierten Gebiets vorzutäuschen, sucht man vergebens.

Doch man wird reich entschädigt. Liebhaber der Flora mögen sich an 2600 wilden Pflanzenarten erfreuen, von denen viele nur hier gedeihen. Im botanischen Garten bei Jalta wachsen zudem 11.000 verschiedene Zierpflanzen, unter ihnen die Rote Krimrose, deren Öl neben dem Krimsekt das kostbarste Exportprodukt der Halbinsel ist. Wer seine müden Glieder pflegen will, hält sich an die Hunderte von Kurhäusern, von denen viele renoviert worden sind; und nicht erst seit Anton Tschechow sich 1898 hier niederließ, um seine Tuberkulose zu kurieren, schwören Lungenkranke auf die heilende Wirkung der milden Meeresluft. "Jalta ist besser als Nizza", war der Dichter überzeugt, und tatsächlich erinnert die Küste der Krim auffallend an die Côte d'Azur. Heute beherbergt das Haus Tschechows, der hier seine berühmte Erzählung "Die Dame mit dem Hündchen" schrieb, ein Museum. Die Liebhaber historischer Baudenkmäler kommen in Bachtschisaray auf ihre Kosten. In der alten Hauptstadt der Krimtataren thront der vom 16. bis zum 18. Jahrhundert in variierenden Stilformen erbaute Khan-Palast über der Felsenstadt Tschufut-Kale (5."Jahrhundert) und dem Mariä-Himmelfahrts-Kloster.

Sechs Euro für eine tödliche Kugel

Wer aus eigener Erfahrung den Vergleich zu russischen Städten ziehen kann, diesen geschundenen und heute still verfallenden Opfern sowjetischer Planungs-Gigantomanie, der muss über die bald versteckte, bald extrovertierte Eleganz der Ortschaften auf der Krim staunen. Auch hier gibt es Industriebrachen und die Wunden wüsten Raubbaus an der Natur, doch vermögen diese den harmonischen Gesamteindruck nicht zu stören. Vielen Vertretern von Hotels, Restaurants und Sehenswürdigkeiten ist das ehrliche Bemühen anzumerken, ihre Heimatregion und die einzigartige Mischung von Bauwerken in slawischen, orientalischen und venezianischen Stilformen von den Verletzungen der Vergangenheit zu heilen.

Vielleicht das markanteste Beispiel für diese Wertschätzung der Geschichtszeugnisse ist der Lewadija-Palast bei Jalta, den der letzte Zar, Nikolai II., in den Jahren 1910/11 erbauen ließ. Im ersten Stockwerk sind die herrschaftlichen Gemächer nahezu vollständig erhalten, die einzigartigen Photographien an den Wänden zeugen vom unbeschwerten Leben der Zarenfamilie, nur wenige Jahre vor deren Ermordung. Im Erdgeschoss des Palastes fand im Februar 1945 die Konferenz von Jalta statt, auf der Stalin, Roosevelt und Churchill um die europäische Nachkriegsordnung rangen. Der Konferenztisch von damals, das speziell gepolsterte Bett des todkranken amerikanischen Präsidenten und die berühmte Gartenbank, auf der sich die drei Granden zur berühmten Gruppenfoto niederließen, sind die Schmuckstücke des heutigen Museums.

Leichter im Charakter, aber nicht minder geschichtsträchtig, ist die Hafenstadt Sewastopol. Die klassizistischen Häuserfassaden, die breiten Boulevards und die kurzen Röcke der Mädchen verbreiten maritimen Charme. Empfehlenswert ist eine Hafenrundfahrt, vorbei an den traurigen Resten der einst legendären sowjetischen Schwarzmeerflotte. Mittlerweile unter Russland und der Ukraine aufgeteilt, rosten die teuren Kriegsschiffe vor sich hin. 1,5 Millionen Touristen und die Passagiere von 300 Kreuzfahrtschiffen kommen jährlich, um diese Zeugnisse eines untergegangenen Imperiums zu sehen. Im Jahr 2004 werden noch viel mehr Besucher in der Stadt erwartet, denn dann jähren sich die Belagerung Sewastopols im Krimkrieg und die Entscheidungsschlacht von Balaklawa zum 150. Mal. Noch heute orten findige Souvenirjäger mittels Metalldetektoren unter den Weinstöcken vor den Toren der Stadt die Skelette der damals Gefallenen, klauben ihnen die tödlichen Gewehrkugeln aus den Knochen und verkaufen sie für sechs Euro das Stück vor der Gedenkstätte mit dem kunstvoll gemalten Schlachtenpanorama.

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