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Von Florian Harms
(die tageszeitung, taz, vom 17.11.2004, "die wahrheit")
Chisinau - Der Eingang ähnelte dem Höllenschlund. Knarzend
öffnete sich das Eisentor. Der Berg war bereit, mich zu schlucken.
Ich war nicht sicher, ob er mich jemals wieder freigeben würde,
wenn ich mich weiter vorwagte. Doch dann trat Sergei, mein robuster
Fahrer, das Gaspedal seines noch robusteren Skodas durch, und wir
preschten mit voller Kraft voraus - geradewegs hinein in den Berg.
Als sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah
ich sie links und rechts vorbeiziehen: Dutzende, nein Hunderte,
ach was: Aberhunderte von riesigen Weinfässern, jedes doppelt
so hoch wie Sergeis Skoda, der immer weiter in den Berg hineinbrauste.
Nach zehn Minuten hielt Sergei mit quietschenden Reifen vor einem
Weinfass, das noch viel größer war als alle anderen.
Ich zwängte mich aus dem Wagen, da öffnete sich in dem
Fass ein Türchen, aus dem eine Offizierin trat. Mit ihren herrischen
Gesichtszügen, dem roten Kurzhaarschnitt und der sowjetähnlichen
Uniform schien sie geradewegs einem James-Bond-Streifen der Siebziger
entstiegen zu sein. Gerade überlegte ich, ob sich in der Spitze
ihrer Stiefel wohl kleine Dolche verbergen mochten, da schmetterte
sie mir mit tiefem Bass entgegen: "Willkommen in Cricova, im
größten Weinkeller Europas! Sie befinden sich in einer
ehemaligen Miene, 40 Kilometer lang. Sie wurde von deutschen Kriegsgefangenen
gegraben. Ich bin Natalja. Und jetzt kommen Sie trinken!"
Sofort war mir klar, dass ich gehorchen musste. Ehrfürchtig
schritt ich im Halbdunkel an Wandnischen vorbei, in denen Berge
von Flaschen der Ewigkeit entgegendämmerten. Klar, irgendwann
hatte ich mal irgendwo gelesen, dass die kleine Republik Moldawien
zwischen Rumänien und der Ukraine ihren Staatsschatz statt
in Gold oder Aktien in Wein angelegt hat. Aber dieses Allerheiligste
direkt vor mir zu sehen, ließ mich nun doch erschauern.
Fort Knox ist eine Ramschbude dagegen. In einer Nische fand ich
eine Flasche süßen Rotwein aus Jerusalemer Trauben, Jahrgang
1902. Nebenan lagerte die komplette Weinsammlung von Hermann Göring
inklusive eines Stapels Rothschild Pauillac 1er Cru von 1936. All
das hatten die Sowjets 1947 hierher gebracht. "Kommen Sie trinken!",
befahl Natalja wieder und schob mich in ein Gewölbe. Darin
prangte über einer 30 Meter langen Tafel eine riesige Weltkarte,
in der die obligatorischen Länderfähnchen nicht fehlten.
Damit man immer weiß, wo der Feind trinkt. Dann entkorkte
Natalja die erste Flasche, füllte mein Glas randvoll und schmetterte:
"Los, auf ex!"
Ein Seitenblick auf eine Tafel an der Felswand verriet mir, wer
hier unten schon alles abgefüllt worden war: Chruschtschow,
Gagarin (zwei volle Tage lang!), Gorbatschow, Jiang Zemin, Samaranch.
Kein Zweifel: Die Lady war bereits mit härteren Gegnern fertig
geworden. Also gehorchte ich und mühte mich, mir eine ansehnliche
Portion des moldawischen Staatsschatzes einzuverleiben. Nach der
sechsten Flasche war Natalja zufrieden und erlaubte Sergei, mich
abzutransportieren. "Kommen Sie wieder mal nach Moldawien!
Wir haben hier noch weitere 900.000 Flaschen liegen!", war
das Letzte, was ich hörte, als Sergei mich in seinen Skoda
schleppte. Ich war mir nicht sicher, ob er den Ausgang finden würde.
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