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Visualisierte Gewalt im Nahostkonflikt
Von Florian Harms
(Neue Zürcher Zeitung vom 7.9.2002)
Zürich - Bilder können töten. Sie brennen sich in
die Gehirne der Betrachter und fressen sich in ihre Seelen. Dort
bleiben sie haften als Stigmata des Geschauten, nicht selten ein
Leben lang. Sind sie stark genug, machen sie aus ihren Opfern willfährige
Instrumente, fähig zu allem. Bilder töten nicht sofort,
sondern schleichend und bedienen sich stets eines Mediums, das die
Tat ausführt. Dieses Medium ist immer ein Mensch und damit
in seinen Reaktionen nicht vollständig berechenbar. Die Wirkung
von Bildern auf Menschen variiert deshalb. Die Wahrscheinlichkeit,
dass das "Medium Mensch" die vom Ersteller gewünschte
Reaktion auf eines oder mehrere Bilder zeigt, steigt aber mit deren
Qualität und Quantität. Der Konflikt zwischen Israeli
und Palästinensern ist ein Paradebeispiel für die Wirkung
von Bildern, die von beiden Seiten gezielt als Waffen eingesetzt
werden. Das geht so weit, dass man von einem Krieg der Bilder sprechen
kann. In diesem Krieg werden zwei Strategien angewandt, die man
als defensive einerseits und als offensive andererseits beschreiben
kann.
Bilder als Waffen
Ausdruck der defensiven Strategie ist auf beiden Seiten die zunehmend
skrupellosere Instrumentalisierung von Bildern des Leids, um dem
eigenen Lager, besonders aber der Weltöffentlichkeit die Brutalität
des Gegners vorzuführen und dadurch Beistand für die eigene
Sache zu fordern. Meist geschieht dies über Medien wie Presse,
Fernsehen und Internet, die die Hervorhebung politischer Themen,
das sogenannte Agenda- Setting, dominieren. Nur jene Kriege werden
in der breiten internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen,
deren Schauplätze, Protagonisten und Folgen regelmäßig
in den Schlagzeilen auftauchen und über die Fernsehschirme
flimmern.
Weltweit gibt es keinen Konflikt, der über so lange Zeit eine
so konstant hohe Aufmerksamkeit seitens der internationalen Medien
erfährt wie der Nahostkonflikt. So ist es nicht verwunderlich,
dass dieser Konflikt einige der eindrücklichsten Bilder hervorgebracht
hat, die sich den Zeitgenossen ins Gehirn gebrannt haben. Die Aufnahmen
israelischer Panzer, deren Kanonenrohre auf Steine werfende palästinensische
Kinder gerichtet sind, gehören ebenso dazu wie die Bilder israelischer
Linienbusse, die von der Bombe eines Selbstmordattentäters
zerrissen wurden. "Der Medienrevolution ist es zuzuschreiben,
dass Bilder im Vergleich zur ersten Intifada in der gegenwärtigen
Phase des Konflikts einen viel stärkeren Einfluss auf die internationale
Öffentlichkeit haben", sagt Jonathan Peled, Sprecher des
israelischen Außenministers Peres, in einem Telefongespräch.
Mustafa Barghuti, Leiter der palästinensischen Nichtregierungsorganisation
Palestine Monitor in Ramallah, die gesellschaftliche Veränderungen
im Westjordanland beobachtet, bestätigt dies: "Bilder,
vor allem in der Form von Postern und Videos, haben seit Beginn
der Aksa-Intifada stark an Bedeutung zugenommen."
Die offensive Strategie im Kampf der Bilder dagegen richtet sich
nicht an die internationale Öffentlichkeit, sondern an das
eigene Lager und an den Gegner. Der eigene Kampf wird heroisiert
und nicht selten zum Martyrium stilisiert. Unmissverständliche
Drohungen sollen den Gegner einschüchtern, zermürben und
schließlich zur Aufgabe zwingen. Im äußersten Fall
erreichen die Bilder ihr Ziel, indem ihre Opfer an sie glauben und
ihrer Botschaft schließlich hörig werden. Dann kämpfen
nicht mehr rational denkende Individuen gegeneinander, sondern programmierte
Massen, gefüttert mit Bildern einer vermeintlich ausweglosen
Realität. De facto stellt diese Realität nur eine von
vielen Wahrheiten dar, aber weil sie immer wieder neu inszeniert
und tausendfach reproduziert wird, erscheint sie als absolut. Das
ist der Krieg der Bilder.
Die offensive Strategie
Die Bilder dieses Krieges müssen nicht notwendigerweise Personen
und Gegenstände zeigen, sie können auch aus Schriftzügen,
einzelnen Wörtern oder Symbolen bestehen. Unter die offensive
Strategie fallen auf Seiten der Palästinenser die unzähligen
Videoaufzeichnungen, Wandbilder und Plakate von Selbstmordattentätern,
die - vor der Tat erstellt - nach deren Tod immer wieder im Fernsehen
gezeigt, auf Hauswände gemalt und über ganze Stadtviertel
verteilt werden. Nicht selten zeigen sich auf den Videos die Mütter
der jungen Attentäter, um die geplante Mordtat und den Tod
ihres Kindes zu rühmen. Die Heroisierung der "Märtyrer-Mütter",
die Umdeutung des Todes vom Negativen ins Positive und die öffentlich
zelebrierte Freude nach Attentaten sind elementare Bestandteile
des Kriegs der Bilder - und sie wirken. Ein eindrückliches
Beispiel fanden israelische Soldaten nach eigenen Angaben bei einer
Razzia Ende Juni im Westjordanland: In einem Familienalbum klebte
das Bild eines palästinensischen Babys, das als Selbstmordattentäter
"verkleidet" war, inklusive einer Sprengstoffgürtel-Attrappe.
"Diese Bilder zeigen uns Israeli, dass wir nicht nur einen
Konflikt zwischen politischen Führern austragen, sondern einen
Konflikt mit dem ganzen palästinensischen Volk", sagt
Jonathan Peled.
Auf israelischer Seite drückt sich die offensive Strategie
im Krieg der Bilder beispielsweise in Graffiti-Schriftzügen
aus, die sich seit einigen Monaten vermehrt auf Hauswänden
finden. "Keine Araber = keine Selbstmordattentäter"
lauten sie etwa, oder ganz einfach: "Keine Araber = keine Probleme".
Noch eindrücklicher sind die Hetzparolen, die israelische Soldaten
nach Razzien in palästinensischen Dörfern und Städten
hinterlassen: "Rottet die Muslime aus!" oder "Pass
auf, Fatima, wir werden alle arabischen Frauen vergewaltigen!"
Der arabische Name Fatima gilt in Israel als verachtende Kollektivbezeichnung
für muslimische Frauen. Ein offensives Bild ist auch die israelische
Flagge, die Ariel Sharon bereits vor Jahren an seinem Haus im arabischen
Viertel der Jerusalemer Altstadt hissen ließ. Als bildgewordene
Demütigung weht sie dort noch heute inmitten palästinensischen
Lebens und demonstriert den radikalen Anspruch seines Besitzers,
dass ganz Jerusalem "ewig und unteilbar" den Israeli gehören
soll. Der "Besuch" Sharons auf dem Tempelberg im September
2000 war ebenfalls ein offensives Symbol.
Die defensive Strategie
Zur defensiven Strategie im Krieg der Bilder gehört auf palästinensischer
Seite die Präsentation von Opfern israelischer Militäraktionen.
Mal sind es Leichen, die bei Trauerzügen demonstrativ in die
Höhe gehoben werden, ein andermal werden Bilder zerstörter
Flüchtlingslager mit dem Titel "Der Ort des Massakers"
versehen, auch wenn kein solches stattgefunden hat. Am eindrücklichsten
ist die Instrumentalisierung und tausendfache Verwertung jenes Bildes,
das fast schon zu einer Ikone der zweiten palästinensischen
Intifada geworden ist: Es zeigt den 12-jährigen Muhammad ad-
Durra, der im September 2000 im israelisch-palästinensischen
Kreuzfeuer auf einer Straßenkreuzung im Gazastreifen erschossen
wurde, während er hinter dem Rücken seines Vaters Schutz
suchte. Das Bild des Knaben, von einem französischen Kameramann
aufgenommen, ist überall in den palästinensischen Gebieten
präsent. "Solche Bilder bestärken diejenigen, die
vorhaben, Gewalt anzuwenden", sagt Mustafa Barghuti. Auf israelischer
Seite haben die Bilder eines Opfers ähnlich starke Wirkungen
hervorgerufen: Es war die Aufzeichnung eines italienischen Fernsehteams
in Ramallah im Oktober 2000, die zeigte, wie ein palästinensischer
Mob einen getöteten israelischen Soldaten aus dem Fenster einer
Polizeistation warf und anschließend auf dessen Leichnam herumtrampelte.
Auch hier wurde die Brutalität des Gegners der Weltöffentlichkeit
vorgeführt und die eigene Opferrolle betont.
Um eine wohlmeinende Berichterstattung durch ausländische Medien
zu erreichen, schrecken beide Seiten nicht davor zurück, die
Arbeit von Journalisten vor Ort zu behindern, wenn sie ihnen nachteilig
erscheint. Es ist auch ein Kampf um Bilder, wenn ein palästinensischer
Kameramann der Nachrichtenagentur Reuters seit über drei Monaten
in einem israelischen Gefängnis sitzt. Ebenso offensichtlich
sind die Absichten der israelischen Regierung, die der landeseigenen
Kabelnetzbehörde Anfang August die ausdrückliche Genehmigung
erteilte, den Sender CNN drei Monate lang nicht mehr einzuspeisen
- sie hält diesen für pro-palästinensisch. Hier sollen
Bilder verborgen werden - auch das ist eine Form des Krieges. Bilder
sind mächtig und gleichzeitig tückisch, weil sie komplexe
Situationen verkürzen und auf ein Ereignis fokussieren. Werden
sie als Waffe eingesetzt, können sie über Leben und Tod
entscheiden. Der Krieg der Bilder kann dazu beitragen, zu erklären,
warum der Nahostkonflikt immer weiter eskaliert.
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