HARMS & JÄKEL REPORTS

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Der Kiez wird wieder bürgerlich

Ohne das Werk Jeff Koons' belibt der Spielbudenplatz auf St. Pauli trostlos, doch der Hamburger Stadtteil hat sich stark gewandelt

Von Florian Harms

(Frankfurter Rundschau vom 08.08.2003)

Hamburg - Charmant lächelnd breitete er die Arme aus, als wolle er das ganze Areal umarmen. So stand er, von Fotografen umdrängt und dem Hamburger Wind umweht, in der staubigen Ödnis des Spielbudenplatzes auf St. Pauli. Hier, im Zentrum jenes Stadtteils, der weltweit mehr Menschen ein Begriff ist als die ihn umgebende Stadt, erstrahlte die schillernde Persönlichkeit des New Yorker Star-Künstlers Jeff Koons und tauchte die "Sandwüste", wie der lang gestreckte Platz schon lange genannt wird, endlich wieder in jenen Glanz, den man hier so schmerzlich vermisst. "Eines, wenn nicht das bedeutendste Kunstwerk des 21. Jahrhunderts" schwebte dem 49-jährigen Amerikaner vor, der durch schrillen Kitsch zu Weltruhm gelangte.

100.000 Besucher passieren den Spielbudenplatz am oberen Ende der Reeperbahn an guten Abenden, 24 Millionen sind es im Jahr - dreimal mehr als im Disneyland zu Paris. Doch der Gegensatz zwischen öffentlicher Bedeutung und derzeitigem Aussehen könnte kaum größer sein: Zwischen dem schicken Musicaltheater, dem blinkenden Spielkasino und dem bekanntesten deutschen Polizeirevier - der Davidwache - gähnt der Platz in beispielloser Tristesse, die durch eine Tiefgarageneinfahrt am einen Ende und eine Steakhaus-Baracke am anderen vervollkommnet wird. Welch ein Abstieg in der schillernden Historie des größten Vergnügungsviertels Europas.

Im 19. Jahrhundert wetteiferten hier Gaukler, Artisten und Marktschreier um die Gunst der Passanten, die einen Ritt auf einem alkoholisierten Kamel wagen oder einen Blick auf die Frau mit dem längsten Bart der Welt erhaschen konnten. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schlenderte Revue-Publikum zwischen den Buden umher. Dann kam der Krieg und fielen die Bomben, die neben der Hälfte aller Hamburger Wohnungen auch den Spielbudenplatz zermalmten. Was übrig blieb, taugte gerade noch als Parkplatz.

Gigantische Gummi-Enten

Seither diskutieren die Bürger der Hansestadt mal lauter, mal leiser über die Neugestaltung ihres wichtigsten Platzes, doch verschwanden bisher alle Vorschläge in der Schublade. Ob die überdimensionierten Frauenfiguren der französischen Künstlerin Niki de Saint Phalle oder das Faltdach des Landschaftsarchitekten Ando Yoo, keine Idee konnte sich durchsetzen.

Seit dem Frühjahr erlebte Hamburg den hartnäckigsten öffentlichen Disput seit Jahren. Stein des Anstoßes war ein spektakuläres Kunstwerk, durch das der von Bausenator Mario Mettbach (Schill-Partei) beauftragte Jeff Koons den Spielbudenplatz wiederbeleben wollte: Zwei 85 Meter hohe Baukräne sollten das Tor Hamburgs zur Welt symbolisieren, zwei daran aufgehängte, gigantische Gummi-Enten wären als Sinnbild der Familienfreundlichkeit des neuen Kiezes über den Köpfen der Besucher gebaumelt. Doch nach Bürgerprotesten und auf Druck seiner Senatskollegen hat Mettbach das Projekt überraschend abgeblasen und will stattdessen einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Platzes ausschreiben. Das Hamburger Abendblatt sah in dem Rückzieher ein "politisches Begräbnis erster Klasse" und trauerte den "internationalen Akzenten" nach, die das Kunstwerk in Hamburg gesetzt hätte. Was auch immer nun auf dem Spielbudenplatz gebaut wird, wohl kein anderes Objekt hätte den Wandel St. Paulis zu einem neuen Kiez besser versinnbildlichen können als die Kräne und Gummi-Enten von Koons.

Neuer Kiez? Ja, genau das ist es, was seit zwölf Jahren rund um die Reeperbahn entsteht und mit dem Objekt von Koons einen materialisierten Schlusspunkt gefunden hätte. Nach dem schmuddeligen Sex-Betrieb der siebziger und achtziger Jahre hat der Kiez sich allmählich gewandelt: Nach und nach zogen Musical- und Kabarett-Theater auf die "Rote Meile", in den Kellern der baufälligen Häuser eröffnete eine Discothek nach der anderen, 44 sind es heute. Plötzlich war es nicht mehr verpönt, die Wochenenden rund um die Reeperbahn zu verbringen. Ob Eminem oder Sven Väth: Wer heute als Popstar oder DJ etwas auf sich hält, tritt in einem Hamburger Kiez-Club auf. Die so entstandene Vielfalt aus Bühnenkunst und Musik-Szene zieht mittlerweile vom Millionär bis zum Punk ein bunt gemischtes Publikum an.

"Karabiner für Schlawiner"

"Das bürgerliche Leben ist auf die Reeperbahn zurückgekehrt, und diese Rückbesinnung auf die zwanziger Jahre beweist, dass die Dominanz der Peepshows nur eine Episode war", sagt Corny Littmann. Er hat mit seinen direkt am Spielbudenplatz gelegenen Theatern, dem "Schmidt" und dem "Schmidts Tivoli", die Bühnenkunst auf den Kiez zurückgeholt und damit viel zu dessen neuem Image beigetragen. "Heute haben wir auf St. Pauli eine breit gefächerte Unterhaltungskultur, und die muss gefördert werden", verlangt Littmann und weiß auch wie: "Die Koons-Kräne wären eine sinnvolle Ergänzung des ,kleinen Broadway' gewesen, der hier entstanden ist. Jetzt befürchte ich, dass der Platz noch jahrelang eine Sandwüste bleibt. Dabei könnte er, spektakulär bebaut, noch mehr Gäste nach Hamburg locken."

Solche Pläne müssen Klaus Weber Kopfzerbrechen bereiten. Der Vize-Chef der Davidswache berichtet: "Der Großteil der Kriminalität auf St. Pauli geht heute nicht mehr auf rivalisierende Zuhälter zurück, sondern auf die Besucher." Um all die Anhänger neuer Musikstile besser einschätzen zu können, hat der Polizeihauptkommissar eigens einen Beamten für die Musikszene abgestellt. Der muss Alarm schlagen, wenn etwa an einem Abend gleichzeitig eine Skinhead-Band und eine iranische Musikgruppe auf dem Kiez gastieren. Nach Taschendiebstählen sind Schlägereien und Körperverletzungen heute die häufigsten Delikte. "Das Milieu dagegen hat kein Interesse mehr daran, dass seine Geschäfte mit den 300 Prostituierten durch Gewalt gestört werden", sagt Weber. Die wilden Zeiten, als türkische, albanische und deutsche Dealer, Zuhälter und Spieler sich gegenseitig vom Barhocker schossen, sind passé.

Passé ist aber auch der Charme des Viertels. Das sagen zumindest einige Alteingesessene, zum Beispiel Elke und Günter Puls. Die beiden betreiben seit 23 Jahren ihr Fachgeschäft für Sado-Maso-Zubehör, in dem sie Fesseln, Keuschheitsgürteln und "Karabiner für Schlawiner" feilbieten. Der Laden läuft gut, das Ehepaar verkauft seine ledernen Kreationen in die ganze Welt. Doch kommendes Jahr werden die beiden ihr Geschäft aufgeben. "Der Kiez hat sich verändert", sagt Günter Puls, "wir haben jahrelang gearbeitet, um uns einen Kundenstamm aufzubauen. Heute will hier jeder nur noch schnelles Geld machen. Man hat keinen Kontakt mehr untereinander, St. Pauli ist verkommen."

Gegenüber seinem Laden wird gerade ein altes Wahrzeichen St. Paulis abgerissen, die Bavaria-Brauerei. Bis 2006 werden dort ein Luxushotel, Büros, Wohnungen und eine "Erlebnis-Brauerei" hochgezogen. Manchmal fühlt sich Günter Puls so, als wolle man auch ihn einfach abreißen. So wie andere Kiez-Originale, die der "Event-Kultur" weichen müssen. Die Zukunft auf St. Pauli dürfte vor allem sauberen Vergnügungslokalen gehören: für jedermann, aber mit wenig Charme. Das "Dollhouse" in der Großen Freiheit hat mit seiner "Show-Erotik" den Anfang gemacht. Sekretärinnen auf Betriebsausflug, Manager nach Geschäftsessen und Oberschüler vor der Reifeprüfung begaffen fast nackte Mädchen und Jungs, die zu Disco-Beats auf den Tischen tanzen: perfekte Körper, perfekte Show, perfekte Illusion von Erotik - ein "Puppenhaus" eben. Das "Dollhouse" hat viel zum neuen, "sauberen" Image des Kiez beigetragen, nun entdecken immer mehr Geschäftsleute das Potenzial des
Stadtteils. Ein Mode-Label vermarktet den Schriftzug "St. Pauli", und auf den Sichtblenden der Herbertstraße, einst Sinnbild der Verruchtheit, wirbt eine Zigarettenfirma.

In diesen gewandelten Kiez hätten die Koons-Kräne perfekt gepasst. Stattdessen geht die Debatte um die Neugestaltung des Spielbudenplatzes nun in die nächste Runde. Ein passenderer Vorschlag ist nicht in Sicht.

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