HARMS & JÄKEL REPORTS

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Fahrt in den Kollaps

Kairo ist eine Krake von einer Stadt. Die Einwohner der ägyptischen Hauptstadt leben nicht, sie überleben. Jeden Tag aufs Neue. Und sie wissen, wie es sich anfühlt, am Ende zu sein. Die sicherste Möglichkeit, das allgegenwärtige Verkehrschaos zu überstehen, ist die Metro.

Von Florian Harms

(Spiegel-Online, 20. November 2006)

Das Ende vom Anfang liegt unter einer morschen Autobahnbrücke. Das Dröhnen der Motoren, die schwarzen Rauchschwaden aus den Auspuffen und ab und zu eine glimmende Zigarettenkippe, die ein Autofahrer aus dem Fenster geschnippt hat: Alles Schlechte kommt hier von oben. Die Luft ist eine zähe Masse; atmen kann man sie gerade noch, aber erquicklich ist sie nicht. Unter und neben der Brücke: mehrere tausend Menschen, dicht gedrängt, Männer und Frauen, alte und junge. Alle wollen sie hier entweder das eine oder das andere - kaufen oder verkaufen. Auf dem Suq al-Gum'a, Kairos Armenmarkt, gibt es alles. Plastikwecker und Brieftauben, Zuckerrohr und Fahrradketten, Hunde in engen Käfigen und Berge billiger T-Shirts.

Und das Ende vom Anfang liegt mittendrin.

Man sieht es erst nach einer Weile, wenn man seine vom Lärm, Gestank und Gewusel betäubten Sinne wieder einigermaßen unter Kontrolle hat. Das Ende liegt auf dem staubigen Boden: verbogen, angerostet, zerkratzt. Achtlos steigt ein Erdnussverkäufer darüber hinweg. Es sind Schienen. Bahnschienen.

Zurück zum Anfang: Im dritten Jahrtausend vor Christus, als in Mesopotamien die ersten Städte entstanden, begann eine Völkerwanderung, die heute auf einen dramatischen Höhepunkt zusteuert - die Wanderung vom Land in die Stadt. Jede Woche wachsen die Städte weltweit um eine Million Menschen an. Im kommenden Jahr wird erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in urbanen Ballungsräumen leben. 14 Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern zählt die Uno derzeit weltweit. In zehn Jahren werden es über 20 sein.

Wenn Bewohner der westlichen Welt von Millionenstädten sprechen, denken sie oft an Glitzermetropolen wie New York, London oder Tokio. Doch was ist schon New York mit seinen acht Millionen Einwohnern und seinem Reißbrett-Straßenmuster? Im Vergleich zu Kairo ist es vor allem eines: überschaubar. Kairo ist ein anderes Kaliber. Mit dieser Krake von einer Stadt können sich allenfalls andere urbane Ungeheuer wie Mumbai, Karatschi, São Paulo oder Mexiko-Stadt messen. Kairo ist der Albtraum jedes halbwegs sensiblen Menschen, der Endpunkt der Zivilisation. Das Ende des Prinzips Stadt.

Natürlich nur für alle Nicht-Kairoer.

Denn wer in dieser Stadt aufgewachsen ist, sich täglich in ihren verschlungenen Gassen und auf ihren übereinander gestapelten Hochstraßen durch den Alltag kämpft, ist an die Kakophonie aus martialisch frisierten Autohupen, brüllenden Motoren, wiehernden Bauernkarren-Eseln, zeternden Muezzinen, gackernden Hühnern in Fahrradkörben und vor allem Heerscharen von rufenden, schimpfenden, lachenden, schreienden Mitbürgern ebenso gewöhnt wie an die Smogglocke, deren Feinstaubpartikel sich tagtäglich auf die Bronchien von bis zu 20 Millionen Menschen legen. An das ganze Inferno also, das sich arabisch "al-Qahira" nennt, "die Siegreiche".

In Kairo siegt die Stadt über die Menschen. Sie zwingt sie in die Knie, jeden Tag aufs Neue.

Doch was ein waschechter Kairoer ist, lässt sich davon nicht klein kriegen und nimmt den Kampf jeden Morgen wieder auf. Der alltägliche Wahnsinn treibt ihn an, pumpt ihm das Adrenalin in die Glieder, das er zum Überleben braucht. In der arabischen Welt sind die Ägypter berühmt-berüchtigt für ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein und ihre herrschaftliche Attitüde. Die Kairoer haben diesen grenzenlosen Stolz von all ihren Landsleuten am tiefsten verinnerlicht. Sie saugen ihn mit der Muttermilch auf und verlieren ihn nicht einmal auf dem Totenbett. "Wir sind die Größten, müssen Sie wissen", sagt eine Ministerialbeamtin in vollem Ernst. "Schließlich stammen wir von den Pharaonen ab."

Die Pioniere Afrikas

Wer schon vor 5000 Jahren Bauwerke errichten konnte, die noch heute bestaunt werden, der kann, seien wir doch mal ehrlich, eigentlich alles. Wenn ein Kairoer Taxifahrer in seinem klapprigen dunkelblauen Fiat einen Fahrgast aus Deutschland chauffiert, kann es vorkommen, dass er ihm wortreich und im Brustton der Überzeugung erklärt, dass ein Ägypter einst den Mercedes erfunden habe.

Und so kommt eins zum anderen. Denn wer das erste Auto der Welt gebaut hat, und sei es nur im Geiste, der ist selbstverständlich auch in Afrika die Nummer Eins. Mehr als 7000 Kilometer U-Bahn-Linien gibt es auf dem Globus, aber die Metro von Kairo ist die Einzige auf dem schwarzen Kontinent. Die erste Linie wurde 1987 eröffnet, die zweite zehn Jahre später. Eine dritte Trasse ist im Bau, mindestens drei weitere sind in Planung. "Wir sind die Pioniere Afrikas und des Nahen Ostens", rühmt sich Kairos Metrogesellschaft auf ihrer Website. "Wir nutzen das modernste Hitech-Transportsystem für den öffentlichen Nahverkehr."

Diese Hochtechnologie sieht so aus: rumpelnde blau-weiße Züge, viele Waggons noch mit Ventilatoren gekühlt, statt Fahrkartenautomaten Schalter, jährlich fast eine Milliarde Fahrgäste. Auf zwei Linien. Der erste Waggon jedes Zuges ist für Frauen reserviert, ein Zugeständnis an die kontinuierliche Islamisierung des öffentlichen Lebens.

Sie mag überfüllt sein und rumpeln, aber die Kairoer lieben sie dennoch, ihre Metro. Sie ist nicht nur das sauberste, sondern vor allem auch das sicherste Verkehrsmittel der ganzen Stadt. Deshalb sind die Leute bereit, ihr viel zu opfern. Allein der Bau der Linie 2 verschlang zwei Milliarden US-Dollar, eine unvorstellbare Summe in einem armen Land. Das Teuerste dabei war ein Tunnel unter dem Nil, den die Planer für unverzichtbar hielten, um die Stadtteile auf dem Westufer anzubinden. "Hatschepsut" und "Nefertiti" (Nofretete) nannten sie die beiden gigantischen Bohrmaschinen, die sich einen halben Kilometer weit durch den Nilschlamm fraßen. Auch dieses Mammutprojekt konnten natürlich nur Abkömmlinge der Pharaonen stemmen, in diesem Fall eben weibliche.

"Die Busse sind seit 2000 Jahren so"

Ein Ägyptisches Pfund kostet eine Metrofahrt, das sind umgerechnet 15 Cent. Ein Spottpreis für einen europäischen Touristen. Eine sorgfältig zu kalkulierende Investition für einen Angehörigen der Kairoer Unterschicht. "Ich bin noch nie aus der Stadt raus gefahren", sagt Samira, die auf dem Armenmarkt Suq al-Gum'a Zucchini verkauft. Sie ist 72 Jahre alt.

Man ist sich nicht ganz sicher, ob man sie deshalb bedauern soll. Kairos Verkehrssystem ist im wahrsten Sinne halsbrecherisch. Wer keine Angst vor Maschinen hat, dem können Kairos Busse und Autos, Mofas und Karren das Fürchten lehren. Doch die Kairoer ertragen das alles mit jenem in Abstumpfung und Gottvertrauen gründenden Gleichmut, der sie Tag für Tag am Leben hält. "Unsere Busse sind doch heute nicht anders als vor 2000 Jahren", sagen sie, und "Wenn Gott will, dass dir ein Unfall passiert, dann passiert er eben." Wenn also wieder Mal ein vollbesetzter Bus frontal mit einem Lkw zusammenstößt, weil der Fahrer seine Formel-1-Tauglichkeit mit einem waghalsigen Überholmanöver unter Beweis stellen musste, dann sterben eben ein Dutzend Mitbürger. Tragisch, aber Schicksal. "Allahu alam", sagen die Kairiner, "nur Gott ist allwissend."

Und nur in der U-Bahn ist man wirklich sicher. Die blau-weißen Waggons mögen rumpeln, aber sie prallen nicht mit Lastwagen oder anderen Fahrzeugen zusammen.

Ein Viertel aller Ägypter wohnt in Kairo

Der Einzige, der auch ohne Metro zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher und schnell durch die Stadt kommt, ist der Pharao: Kündigt sich seine Wagenkolonne an, sperren Verkehrspolizisten binnen Sekunden Straßen, Brücken und Plätze und halten zur Not auch die U-Bahn an, damit noch die geringste Gefahr eines unterirdischen Bombenanschlags gebannt ist. Der Pharao darf alles, so ist das in Ägypten seit 5000 Jahren, egal wie er gerade heißt. Zurzeit heißt er Mubarak und nennt sich Präsident. Aber benehmen tut er sich wie seine Vorgänger, die von ihren Untertanen unbedingten Gehorsam verlangten.

Um die urbane Explosion in Kairo in den Griff zu kriegen, haben sich schon unzählige Beamte im Präsidialapparat des Pharaos die Köpfe zerbrochen. Aber irgendwie scheint die einzige dauerhafte Maßnahme bislang darin zu bestehen, immer neue Betonwohnblöcke aus dem Nilschlammboden stampfen zu lassen. In nicht allzu ferner Zukunft könnte das in den Kollaps des öffentlichen Lebens münden, schon jetzt wohnen bis zu einem Viertel aller Ägypter in Kairo. Vielleicht hat der Kollaps aber auch schon längst begonnen.

So wie das Ende vom Anfang auf dem Suq al-Gum'a. Wo sich heute die Armen drängen, verlief einst eine Bahnstrecke. Sie war Teil des ehrgeizigen Vorhabens, Kairo eine so moderne Verkehrsinfrastruktur zu geben, wie europäische Metropolen sie haben. Es sollte der Aufbruch in eine neue Zeit werden. Irgendwann ist der Plan im Wirrwarr aus Organisationsproblemen, Schlamperei und Korruption versunken, und so laufen die Gleise heute ins Leere. Das ist das Ende der Geschichte.


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