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Syrien im Wandel
Von Florian Harms
(SPIEGEL Online vom 28.10.2004)
Das Regime ist autoritär, Coca Cola ist verboten und Internet-Nutzer
werden eingesperrt, wenn sie regierungskritische E-Mails verschicken:
Syrien gilt als starre Diktatur und hat kaum noch Freunde in der
Welt. Doch mithilfe neuer Medien beginnt nun die Jugend, ihr Land
zu verändern.
Damaskus - Die scheinbar grenzenlose Freiheit in der virtuellen
Welt endete abrupt hinter Gittern. Dabei hatten Yahya al-Aws und
die Brüder Haitham und Muhannad Qutaisch nur einige E-Mails
verschickt. Doch in Syrien reichte das, um verhaftet zu werden.
Über 19 Monate mussten die drei im Gefängnis auf ihre
Prozesse warten, kürzlich wurden sie vom syrischen Staatssicherheitsgericht
in Damaskus zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt: Haitham
Qutaisch zu vier Jahren, sein Bruder Muhannad zu drei Jahren, al-Aws
zu zwei Jahren. Wegen ein paar E-Mails.
Die drei jungen Männer hatten die Freiheiten des erst vor sechs
Jahren in Syrien eingeführten Internets überschätzt.
Den staatlichen Aufpassern gingen sie ins Netz, weil sie Texte von
gesperrten Websites und unter Pseudonym verfasste Artikel über
Korruptionsfälle in Regierungskreisen an ein Online-Magazin
in den Vereinigten Arabischen Emiraten gemailt hatten. "Verbreitung
falscher Informationen" nannten das die Richter. Amnesty International
protestierte vehement: "Die Urteile sind eine krasse Verletzung
der Meinungsfreiheit".
Es war nicht das erste Mal, dass syrische Internet-Nutzer in die
Fänge der Überwachungsorgane gerieten. Ende Juni wurde
der 31-jährige Abderrahman Schaguri zu zweieinhalb Jahren Gefängnis
verurteilt, weil er einen Newsletter der von Exilsyrern in London
betriebenen Website www.thisissyria.net weitergeleitet hatte. In
Damaskus steht zurzeit der 29-jährige Masud Hamid vor Gericht,
weil er Fotos von einer friedlichen kurdischen Demonstration ins
Netz gestellt hat. Auch das reichte als Anklagegrund.
Foltergefängnis in Saidnaya
Wie die meisten politischen Häftlinge landeten auch die Internet-Dissidenten
im berüchtigten Gefängnis von Saidnaya bei Damaskus, das
regelmäßig in den Jahresberichten von Amnesty auftaucht,
weil dort nach Informationen der Menschenrechtsorganisation gefoltert
wird. Zwar ist das noch grausamere Straflager bei Palmyra in der
syrischen Wüste mittlerweile geschlossen worden. Auch sind
in den vergangenen drei Jahren zahlreiche politische Sträflinge,
etwa der neun Jahre lang eingekerkerte Journalist Nizar Nayyuf,
aus der Haft entlassen worden. Doch wer in Syrien aus politischen
Gründen eingesperrt wird, muss nach wie vor mit Misshandlungen
rechnen.
Aufsehenerregende Fälle wie jene der verurteilten Internet-Nutzer
bestimmen Syriens Erscheinungsbild einer autoritären Diktatur.
Neben der Feindschaft zu Israel und der angeblichen Unterstützung
von Terroristen im Irak sind es die innenpolitischen Überwachungsmethoden,
die das arabische 17-Millionen-Land in den Augen des Westens zu
einem Problemstaat machen. Die US-Regierung straft das Regime in
Damaskus seit kurzem mit schmerzhaften Handelssanktionen.
"Das Bild ist falsch"
Doch das ist nicht das ganze Bild. Denn unterhalb der politischen
Ebene hat Syrien bereits begonnen, sich zu wandeln. Die entscheidenden
Impulse kommen von den jungen Leuten unter 30 Jahren, die rund 60
Prozent der rasch wachsenden Bevölkerung stellen. Viele von
ihnen lassen sich von den staatlichen Überwachungsmethoden
nicht mehr einschüchtern.
"Wenn ich sehe, wie amerikanische Fernsehkanäle mein Heimatland
darstellen, habe ich das Gefühl, dass ich mich schämen
muss, ein Syrer zu sein. Aber dieses Bild ist falsch", sagt
Chalid. Der 33-jährige Ingenieur, der zwei Fremdsprachen spricht,
aber seine Familie nur mit zwei Jobs ernähren kann, zählt
zum Heer der gebildeten Mittelschicht Syriens. Wie viele seiner
Landsleute war er nicht traurig, als Präsident Hafis al-Assad
im Juni 2000 das Zeitliche segnete. Der alte Löwe hatte sein
Land in eisernem Griff gehalten und sich beharrlich gegenüber
den Errungenschaften der jüngsten Moderne verschlossen: Handys,
Internet, West-Autos und Coca Cola? Nicht mit Hafis.
Als sein Sohn Baschar das Ruder übernahm, ging ein Stoßseufzer
der Erleichterung durch das Land, gefolgt von einer Zeit, auf die
viele westliche Beobachter heute wehmütig als den "Damaszener
Frühling" zurückblicken: Politische Debattierklubs
eröffneten, Intellektuelle begannen, das Regime öffentlich
zu kritisieren. Jedoch schien der Frühling nur kurz zu währen.
Nach wenigen Monaten wurden die Politzirkel dicht gemacht und die
Zeitungen wieder auf Linie getrimmt.
Zwar gilt Baschar al-Assad, der in London studiert hat, einem vorsichtigen
Wandel gegenüber aufgeschlossen, doch beschränkt er sich
dabei weitgehend auf Wirtschaft und Technologie. Wollte der 38-Jährige
seinen Untertanen mehr politische Freiheiten einräumen, müsste
er sich mit den Oligarchen und Beamten anlegen, die das Land aussaugen.
Noch funktioniert Syrien nach einem mittelalterlichen Pfründe-System,
das der nominell erste Mann im Staat nicht aushebeln kann, ohne
seinen Sturz fürchten zu müssen.
"Innerhalb von drei Jahren wurden über 80 Prozent der
alten Führungsgarde ausgetauscht, dennoch sind die Strukturen
der Herrschaft weitgehend unangetastet geblieben", urteilt
Volker Perthes, Leiter der Forschungsgruppe Nahost in der Stiftung
Wissenschaft und Politik in Berlin. Von der syrischen Regierung
sind also in den kommenden Jahren kaum Impulse für eine Demokratisierung
zu erwarten. Doch das Land verändert sich trotzdem: Der Wandel
kommt von unten, und neue Medien spielen darin eine entscheidende
Rolle.
Handyfirma vor dem Kollaps
Am offensichtlichsten ist das in den Städten. Zwar wird Durstigen
aus ideologischen Gründen auch jetzt noch die "US-imperialistische"
Coca Cola verwehrt, doch innerhalb kürzester Zeit sind moderne
Kommunikationsmittel eingeführt worden. Ebenso wichtig: Diese
sind nur gerade so teuer, dass die Mittelschicht sie sich noch leisten
kann. Vergangenen Herbst stand Syriatel, eine der beiden neu gegründeten
Mobiltelefonfirmen, vor dem Kollaps, weil sich in ihrer Zentrale
binnen zwei Wochen 200.000 neue Kundenanträge stapelten. Selbst
mancher Schuhputzer in Damaskus hat schon ein Handy.
Immer mehr Internet-Cafés öffnen ihre Pforten, auch
in den baufälligen Häusern der Altstädte. Eine Stunde
Surfen ist mit umgerechnet 1,20 Euro zwar nicht billig, aber erschwinglich.
Auf Nachfrage erklären manche der meist jugendlichen Betreiber
den Kunden sogar, wie sie mit einigen Tricks auf gesperrte politische
Websites gelangen - trotz einer drohenden Verhaftung. In syrischen
Online-Magazinen wie Kulluna Shurakaa ("Wir sind alle Partner",
www.all4syria.org) finden sich immer häufiger kritische Beiträge.
Ähnlich wie im Iran, eröffnen Satellitenfernsehen und
Internet die Möglichkeit einer politischen Liberalisierung
im Alltag, die das Regime nur schwer kontrollieren kann.
"Das Internet hat die nach wie vor autoritäre Herrschaft
in Syrien ein Stück liberaler gemacht", sagt Volker Perthes,
"es gibt etwas mehr Informationsfreiheit." Das hat Folgen.
Die staatlichen Zensoren haben mittlerweile eingesehen, dass es
sinnlos ist, an den Kiosken einzelne Seiten aus den Zeitungen herauszureißen,
wenn man diese im Internet-Café um die Ecke online lesen
kann. So ist die Informationsspanne breiter geworden, auch für
jene, die das Internet nicht nutzen.
Auch in punkto Meinungsfreiheit hat sich einiges geändert.
Zu Zeiten des alten Assad wurde in der Öffentlichkeit nicht
über Politik gesprochen; schnitt doch jemand ein politisches
Thema an, wechselten die Zuhörer sofort das Thema oder verließen
die Runde. Das ist heute anders. Besonders die jungen Leute haben
einen auffallenden politischen Mitteilungsdrang, der sich in Jahren
des bleiernen Schweigens aufgestaut hat.
"Das stinkt zum Himmel!"
Zum Beispiel der 25-jährige Taxifahrer Tariq: Kaum ist die
Autotür zu, ereifert er sich bereits über die korrupten
Strukturen seines Landes. Auf den Präsidenten lässt er
nichts kommen, aber all die Nutznießer des autoritären
Systems findet er "zum heulen": "Die kleben an ihren
Sesseln. Sie bekommen ein Einstiegsgehalt von 5000 Lira im Monat
- und nach zwei Jahren haben sie 20 Millionen auf dem Konto. Das
stinkt zum Himmel!" empört sich Tariq.
Einschätzungen wie diese hat der syrische Finanzminister Muhammad
al-Hussein kürzlich indirekt bestätigt: Nach seinen Berechnungen
verliert der Staat jährlich vier Milliarden Dollar durch Finanzbetrügereien
- das ist fast die Hälfte des Budgets von 8,4 Milliarden Dollar
im Jahr 2003. Dass die gewaltige Zahl öffentlich von einem
Regierungsmitglied verbreitet wurde, mag als zarter Ansatz einer
neuen Kommunikationspolitik gedeutet werden.
Nicht erst seit dem Irakkrieg und dem verstärkten Druck Washingtons
auf das Regime hat die syrische Öffentlichkeit begonnen, sich
allmählich zu wandeln. Die jungen Leute, die nach Veränderungen
dürsten, ziehen ihre Informationen schon heute aus dem Satellitenfernsehen
und dem Internet, sie reden öffentlich darüber - wie der
Ingenieur Chalid und der Taxifahrer Tariq. Und sie beginnen, die
Verhältnisse in ihrem Staat zu kritisieren. So gesehen hat
der Damaszener Frühling gerade erst begonnen.
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