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Wahre Lokale (69): Im Freiburger "Crash" nächtigen
die letzten Helden der Unterwelt
Von Florian Harms (erschienen unter dem Pseudonym Florian Alexander)
(taz, die tageszeitung vom 9.5.2001, S.20, "die wahrheit")
Freiburg - Wenn Klaus Kinski, Charles Bukowski und Sid Vicious noch
unter den Lebenden weilten, würden sie hier ihren Whisky kippen.
Irgend jemand hätte ihnen verraten, dass sie hier die wahre
Pforte zur Unterwelt finden: Das "Crash" ist so ziemlich
das dunkelste, lauteste und unbequemste Lokal links und rechts des
Rheins. Es öffnet seine zerkratzten Metalltore nicht in düsteren
Weltmetropolen wie Köln, Koblenz oder Karlsruhe, sondern in
Freiburg. Ausgerechnet in Freiburg. Wie ein abgewracktes U-Boot
lauert es hier unter der braven Oberfläche aus Weinstuben,
Salatbars und Milchcafé-Schenken.
Hierher kommt, wer schon alle anderen Abenteuer des Lebens kennt,
viel Mut oder nichts mehr zu verlieren hat. Über raue Betonstufen
geht es hinunter in die Dunkelheit. Dort der dezente Hinweis in
krakeligen Lettern: "Eingang aus witterungsbedingten und politischen
Gründen links". Wer dem sicherheitshalber hinzugefügten
Pfeil folgt, gelangt durch die zweite Pforte in einen Schlauch von
undefinierbarer Länge, dessen linke Seite eine kinnhohe Metalltheke
ziert, während zur rechten flimmernde Apparate zum Glücksspiel
verlocken. Ganz hinten selbstverständlich Kicker und Flipper,
auf denen sich Volltrunkene gern ein Nickerchen gönnen.
Die dritte Pforte und vier weitere Stufen abwärts führen
endlich in den letzten Kreis der Hölle. Zu keifenden Bässen
regen sich hier Gestalten, die Tarantinos Vampirtaverne in "From
Dusk Til Dawn" oder die "Rocky Horror Picture Show"
als biedere Kaffeekränzchen erscheinen lassen. Da gibt es die
in schwarzen Samt gewandeten Pärchen, deren weiß geschminkte
Gesichter im Kunstnebel unsichtbar werden. Unübersehbar funkeln
dagegen die blauen, roten und grünen Mähnen kettenbehangener
Strumpfhosenträger: Je enger das Beinkleid, desto breiter die
Stiefel. Dazwischen betagte Herren mit Brian-Jones-Tattoos auf den
vernarbten Unterarmen. Auch der eine oder andere Elvis breitbeinelt
hie und da im Takt. Die dunklen Ecken hinter Lautsprechern von den
Ausmaßen eines Kleinwagens sind im "Crash" zudem
so zahlreich, dass einige harthörige Gesellen dort ihr Nachtlager
einrichten können: Tageszeitung auf Beton.
Besser als Kino und Theater
Weil das "Crash" so crashig ist, mokieren sich ordnungsliebende
südbadische Stadtväter in geordneter Regelmäßigkeit
über dieses unordentliche Lokal. Seit Jahren halten sich Gerüchte,
dass "das Crash jetzt wirklich geschlossen werden soll",
und trotzdem öffnen sich die Tore zur Unterwelt immer wieder.
Wohin auch sonst sollte man in Freiburg entfliehen, wenn einem die
zufriedene Wohllebe der Wein-, Bächle- und Studentenstadt zu
Kopfe steigt? Nur hier bekommt man sein Bier in einem stabilen Plastikhumpen,
den ein roter Stern ziert. Hier wird alles in fettiges Zigarettenpapier
gerollt, was sich irgendwie rauchen lässt. Die Damen hinter
der Theke haben diesen abgeklärt-uneitlen Blick und der Herr
am Plattenteller das sichere Händchen für Melodien, die
man in keiner anderen Lokalität serviert. Hier macht es nichts,
dass man sein eigenes Wort nicht versteht, es gibt so viel zu sehen.
Wer hierher kommt, kann sich Kino und Theater sparen.
Das "Crash" ist eines der wenigen Etablissements, die
an das in den achtziger Jahren legendäre Freiburger Bahnhofsviertel
erinnern. Wo sich einst ein besetztes Haus auf das andere stützte,
stehen heute saubere Mietwohnungen in Reih und Glied. Dazwischen
verstecken sich bunte Inseln wie das "Jos Fritz" oder
das "Strandcafé" in Hinterhöfen. Jene Baracke
dagegen, die das "Crash" beherbergt, zieht die Blicke
aller Zugreisenden zwischen der Schweiz und Westdeutschland auf
sich. Auch hier ist es der rote Stern, der so unbeirrbar unzeitgemäß
auf dem Giebel prangt. Die vorbeirauschenden Herrschaften wissen
gar nicht, was sie verpassen.
Der Rausschmeißer im "Crash" um vier Uhr sieben
in der Früh ist natürlich David Bowies "Heroes".
Bowie schickt die letzten wahren Helden der Unterwelt zurück
ins fiese Dämmerlicht eines neuen Tages.
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