HARMS & JÄKEL REPORTS

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Die Stimmen von Ghadames

Tauwetter in der Sahara: Der Schurkenstaat Libyen will zum freundlichen Reiseland werden. Unterwegs in Tripolitanien

Von Florian Harms - Fotos Lutz Jäkel

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 13.06.2004)

Tripolitanien - Hischam Gaga tritt noch einen Schritt näher an den Rand der Dachterrasse und läßt seine Hand über die weißen Häuser ringsum schweifen, als würde er sie streicheln: "Schaut auf diese Stadt!" Ergriffenheit, Stolz und Wehmut schwingen in den Worten des Berbers, als er anhebt, seine alte Heimatstadt zu beschreiben: "Seht nur, die grünen Palmgärten zwischen den strahlenden Fassaden und dem Sand! Schaut euch dieses vollkommene Prinzip der überdachten Gassen an, das die Frauen auf den Dächern vor den Blicken der Männer verbarg! Dort drüben bin ich aufgewachsen. Habt ihr das Haus gesehen?" Hischam bricht ab, doch seine Worte liegen wie ein Zauber über dieser Stadt im Dreiländereck von Libyen, Algerien und Tunesien. Deren ehemalige Bewohner sprechen von ihr wie von einer verlorenen Tochter, dabei waren sie es doch, die diesem Ort den Rücken kehren mußten: Ghadames. Perle der Sahara, Quell der Fruchtbarkeit in der Wüste. Ehemals stolze Herrscherin über die Karawanenrouten des Transsahara-Handels: Dattelpalmen, Feigen-, Granatapfel- und Zitrusbäume, Zucchinistauden und Melonenfelder. "Den Tuareg erschien Ghadames als das Paradies", sagt Hischam Gaga.

Männer im Gespräch in der Altstadt von Ghadames. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Heute ist das Paradies verlassen. Im Rahmen eines Modernisierungsprogramms zwang die libysche Regierung im Jahr 1983 die seßhaft gewordenen Tuareg in Betonhäuser und vernichtete so über Nacht eine jahrtausendealte Stadtkultur. Seit kurzem wird das Paradies nun wiederentdeckt von Touristen aus Europa, die sich nicht abhalten lassen vom noch immer negativen Ruf Libyens. Sie werden angelockt von einer der eindrucksvollsten Regionen Nordafrikas: Tripolitanien im Nordwesten Libyens bietet zwischen der Oasenstadt Ghadames und den antiken Ruinen an der Küste so viele Sehenswürdigkeiten, daß es sich hinter den Besuchermagneten Tunesien und Ägypten nicht verstecken muß.

Tripolitanien beginnt sich gerade erst vorsichtig dem Fremdenverkehr zu öffnen, folglich stoßen Besucher allerorten auf eine erfrischende Unprofessionalität. Man mag es auch Unverdorbenheit nennen. Wer nicht auf Planungssicherheit besteht, kann in Libyens Schmuckkammer Kulturschätze ersten Ranges entdecken, ohne sich über Banausen ärgern zu müssen, die ihm in einer Ruinenstadt wie Leptis Magna vor die Kamera tappen oder die Magie dieser besterhaltenen römischen Metropole Nordafrikas durch lautes Gerede stören. Zahlreiche Polizeidienste observieren das wohlhabendste Land Afrikas, ohne daß der Eindruck eines Überwachungsstaates entstünde. "Mittlerweile schreiben sogar unsere eigenen Zeitungen kritisch über die Regierung, und Revolutionsführer Gaddafi gesteht Fehler seiner früheren Politik ein", behauptet der Rechtsanwalt Omar Howidi und fügt hinzu: "Unser Ansehen in der Welt ist auch deshalb so schlecht, weil die westlichen Medien, wenn sie sich schon mal mit Libyen befassen, nur die Politik beleuchten, das Leben der Menschen aber ausblenden."

Edelmetalle, Sklaven und Salz

35 Milliarden US-Dollar will die Regierung bis 2006 in den Tourismus investieren, dabei sollen Studienreisen und Wellness-Angebote für maximal drei Millionen Besucher pro Jahr im Vordergrund stehen. An Massentourismus ist nicht gedacht. Wellness in Libyen? In Al-Adjilat nahe der Grenze zu Tunesien sprudeln heiße Schwefelquellen aus dem Sand, und auf der Mittelmeerhalbinsel Farwa ist der Bau mehrerer Erholungshotels geplant. Schon jetzt sind die wenigen Touren deutscher Studienreiseanbieter nach Tripolitanien regelmäßig ausgebucht. Wer allerdings Geld sparen und mehr erleben möchte, wird sich lieber an einen lokalen Reiseveranstalter wenden.

Wüstendüne in der Nähe von Ghadames. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Denn anders gelangt man nicht an Menschen wie Hischam Gaga. Er hat in der DDR studiert, was ihm aber wie vielen seiner Landsleute keinen dauerhaften Arbeitsplatz beschert hat, und führt nun Besucher durch die labyrinthartigen Gassen seiner Heimatstadt Ghadames, wo einst fünf Karawanenrouten zusammenliefen. Anfang des 9. Jahrhunderts wurden hier jährlich 30.000 Kamele verkauft. Ghadames stieg zum wichtigsten Handelsplatz zwischen der Mittelmeerinsel Djerba und der Stadt Gao am Niger auf, später kamen Verbindungen nach Kairo, Tripolis und Timbuktu hinzu. Neben Edelmetallen und schwarzen Sklaven war Salz eines der begehrtesten Handelsgüter und wurde zeitweise teurer gehandelt als Gold. Der ehemalige Reichtum ist der Stadt noch heute anzumerken. 1250 Gebäude schmiegen sich an- und ineinander, nur einzelne Lichtschächte durchbrechen die weißen Gewölbegänge zwischen den Häusern. "Nahten Feinde, sahen die Frauen auf den Dächern sie als erste. Sie sangen eine bestimmte Melodie und warnten so ihre Männer, die in den Oasengärten arbeiteten", erzählt Hischam, "und dann deckten sie die Lichtschächte mit Palmmatten ab, so daß die ganze Stadt im Stockdunkeln lag und die Angreifer wie Blinde umhertappten." Nicht nur die acht Hektar großen Oasengärten, auch die Stadt war zentimetergenau unter ihren Bewohnern aufgeteilt. "Wir waren zwei Berberstämme, die Beni Wasid im Süden und die Beni Walid im Norden", schildert Hischam, "und diese waren wiederum in sieben Sippen unterteilt, die jeweils ein Stadtviertel bewohnten. Von den Versammlungsplätzen, den öffentlichen Bädern und den Moscheen abgesehen, hatte man außerhalb seines eigenen Viertels nichts zu suchen. Das hat uns als Kinder aber nicht abgehalten, in fremden Gassen herumzustromern."

Onkel Ahmadi. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Plötzlich ist ein zahnloser Greis aus dem Dunkel einer Seitengasse aufgetaucht und fixiert Hischam mit stechenden Äuglein: "Allerdings! Einen mordsmäßigen Radau habt ihr Lausbuben gemacht, besonders gern vor meiner Haustür! Wenn ich einen von euch zu fassen bekam, konnte er was erleben. Aber du bist immer rechtzeitig ausgebüxt." Dann zucken die Mundwinkel des Männleins und er lacht meckernd, was in der Gasse widerhallt: "Jetzt habe ich euch schön erschreckt, wie? Das war späte Rache! Komm, laß dich umarmen, Kleiner!" Erleichtert beugt Hischam das Knie, um sich von dem Alten an dessen ausgemergelte Brust drücken zu lassen. "Du bist doch sicher schon hundert Jahre alt, Onkel Ahmad!" - "Hundertundzwei, mein Kleiner, hundertundzwei!"

So ist das in Ghadames. Die Altstadt mag verlassen sein, aufgegeben ist sie nicht. Hochzeiten und andere Feste werden noch immer hier gefeiert, die Moscheen werden noch genutzt, und wer durch die dunklen Gassen streift, macht so manche unverhoffte Begegnung. "Kommt zu mir, ich lade euch zum Essen ein", befiehlt der Greis, und man lehnt nur deshalb schweren Herzens ab, weil man heute noch nach Djadu in der Bergregion Tripolitaniens fahren will. "Nach Djadu? Dann müßt ihr bei meinem Freund übernachten, der heißt auch Ahmad. Ahmad Bittia!" Der Alte ist erst zufrieden, als man ihm verspricht, seine Empfehlung zu befolgen.

Eine Flasche Kamelmilch für Herrn Gaddafi

Die Sonne versinkt bereits hinter den Bergen, als man in Djadu nach dem Haus von Ahmad Bittia fragt. Nachdem man dem Hausherrn kurz erklärt hat, wer einen geschickt hat, öffnet er die Tür. Sein Wohnzimmer ist mit Sitzkissen gespickt. Für ihn ist es das Selbstverständlichste der Welt, den Fremden in sein Haus zu bitten, seinen Sohn Schalen voll selbstgebackener Kekse und Obst anschleppen zu lassen und Fruchtsäfte und Kaffee aufzutischen. Währenddessen kocht seine Frau eine große Portion Ftaat aus frischgebackenem Brot, Tomatensoße, Lammfleisch und Eiern.

Der Abend verfliegt wie im Traum, während immer neue Gaumenfreuden aufgetragen werden und der 75jährige Ahmad Bittia aus seinem Leben erzählt: Wie er als junger Mann eine kranke Kamelstute durch die Wüste trug. Wie er, der als Karawanenführer begonnen hatte, ein Bauunternehmen aufzog und dann durch die Grüne Revolution 1969 alles verlor. Wie er wieder von vorne begann und für sich und seine beiden Frauen ein 1700 Quadratmeter großes Haus baute. Und wie er dem Herrn Gaddafi, der auf dem Felsen gegenüber eine Villa besitzt, eine Flasche seiner Kamelmilch brachte, weil dem Revolutionsführer danach gelüstete. Abende wie dieser sind auch in der arabischen Welt selten geworden. In Libyen zählen sie zu den Selbstverständlichkeiten.

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