|
Von Florian Harms
(die tageszeitung, taz, vom 21.8.2001, "die wahrheit")
Berlin - Diese Stiefel! Die sind mindestens 40, 41 Jahre alt. Unten
ein Klötzchen, das mal ein Absatz war, oben eine Ahnung von
Wildleder, das schon lange nicht mehr wild ist. Der Mann, dessen
Füße in diesem antiken Schuhwerk schwitzen, heißt
Toni. Weiße Mähne, weißer Bart, Brille für
die Augen. Jedes seiner 61 Lebensjahre hat sich in seine Gesichtshaut
gerammt.
Als seine Stiefel noch nagelneu glänzten, war Toni Sheridan
der "König vom Kiez": Härtester Rocker Hamburgs,
ein Gitarrengott - so göttlich, dass ihm drei Akkorde pro Song
locker reichten. Irgendwann waren da diese fünf durchgeknallten
Jungs aus Liverpool, die ebenfalls ordentlich Lärm machen konnten.
Also wurden sie Tonis Begleitband im Top Ten Club. Die Jungs sind
ja später, dann nur noch zu viert, ziemlich abgegangen, "She
loves you" und so. "Hätte ich nie gemacht",
sagt Toni, "das war alles Müll; jedenfalls war's kein
Rock n Roll mehr." Dann, nachdem er sich die nächste Marlboro
angesteckt hat: "Wo, bitte schön, war da noch James Dean?"
Einer der Typen von damals sitzt neben Toni. Er hat noch kein einziges
Wort gesagt, was entweder an Tonis Angewohnheit liegen könnte,
den Mund nicht mehr zuzumachen, wenn er ihn einmal aufgeklappt hat,
oder an dieser einzigartigen Hotelbar, in der wir trinken: So viel
Spießigkeit und so wenig Atmosphäre ist tatsächlich
einzigartig. Wieso müssen die Sitzkissenbezüge eigentlich
mintgrün sein? Toni ordert die nächste Runde und sagt
zu mir, ich sähe irisch aus. Ich frage den Mann neben Toni,
ob das stimmt, und endlich macht der den Mund drei Millimeter auf:
"Ahm", sagt Pete Best. Vielleicht hat er das ja auch gesagt,
als ihm der Manager Brian Epstein mitteilte, dass er nicht mehr
Drummer der Beatles sein darf, damals in Hamburg. Pete ist verdammt
schüchtern, liebenswürdig schüchtern. Man würde
ihn am liebsten sanft über seine graue Sturmtolle streicheln
und ihm irgendwas Liebes sagen: "Another beer, Pete?",
zum Beispiel. Pete lächelt.
"Mister Ober, more beer!", kräht Toni und erklärt
dann mal eben in zehn Sätzen die Weltgeschichte, angefangen
beim Rocker Jesus bis zur CIA, die nämlich John Lennon auf
dem Gewissen hat. Ich frage ihn nach Vietnam, wo er amerikanische
GIs mit der Gitarre bei Laune gehalten hat: "War das etwa Rock
n Roll?" Toni zückt schnell noch ne Marlboro, er hat doch
damals Songs wie "Let's go home" gespielt, murmelt er.
Irgendwie scheint das hier die schwärende Wunde in seinem Rockerleben
zu sein.
So wie er sich damals von den Amerikanern hat kaufen lassen, so
verlässt er heute sein Bauernhaus bei Kiel und stellt sich
für ein paar Scheine auf die Bühne in diesem mintgrünen
Vorort-Hotel. Und kräht noch mal seinen einzigen Hit ins Mikro:
"My Bonnie". Jauuul macht die Gitarre, krrrchz machen
Tonis Stimmbänder. Hinter ihm drischt Pete auf die Trommeln,
immer wieder auch korrekt im Takt. Nach dem Gig sitzen wir auf Mintgrün
und Toni verrät es mir endlich, das Geheimnis des Rock n Roll:
"The message is - fuck everything! Und das Beste ist: Es funktioniert!"
Eine Offenbarung. "Ahm", sagt Pete Best.
Zurück zum Inhalt
|