HARMS & JÄKEL REPORTS

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Flanieren im Schlarafenland

Auf der Jemaa al-Fna schlägt das Herz von Marrakesch. Hier braucht man kein Kino. Das Leben unter freiem Himmel ist spannender.

Von Florian Harms - Fotos Lutz Jäkel

(Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 12.09.2004)

Marrakesch - "Der nächste Tag war ein Samstag, und ich ging schon früh auf die Jemaa. Zuschauer, Darsteller, Körbe und Buden drängten sich, es war schwer, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen." Elias Canetti stand bereits im 50. Lebensjahr, als es ihn 1954 nach Marrakesch verschlug. Doch diese Stadt am Fuße des marokkanischen Atlasgebirges und besonders ihr pulsierendes Herz brandeten so gewaltig gegen die Sinne des welterfahrenen Schriftstellers, dass er von einer Empfindung in die nächste gewirbelt wurde und seine Reiseaufzeichnungen, die 1967 gedruckten "Stimmen von Marrakesch", auch den Leser in den Sog dieser Stadt ziehen. Und im Zentrum dieses Sogs, der alles Leben und Sterben, alle Gegensätze wie magisch ansaugt und aufeinander prallen lässt, zwischen den quirligen Suks und der erhabenen Kutubia-Moschee, mittendrin schlägt das Herz von Marrakesch: die Jemaa
al-Fna.

Die größte Freiluftküche der Welt: Die Jemaa al-Fna in Marrakesch. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Dieses fünf Hektar umspannende und von früh bis spät von den unterschiedlichsten Exemplaren der Gattung Mensch bevölkerte Trapez zählt zu den phantastischsten Attraktionen der islamischen Welt und ist wohl ihr größtes Schlemmerparadies unter freiem Himmel. "Platz der Gehenkten" bedeutet der Name vermutlich, wurden hier doch bis Anfang des 20. Jahrhunderts Verbrecher und andere Unliebsame hingerichtet und ihre Schädel dem Volke zur Warnung und den Geiern zum Fraße präsentiert. Wahrscheinlich wurde der Platz im 12. Jahrhundert von den Almohaden angelegt; doch legte die Explosion eines Munitionsdepots 1846 die umgebenden Gebäude in Schutt und Asche. Dieser Unfall entsprach zu gut dem turbulenten Charakter des Platzes, als dass er diesen dauerhaft hätte beschädigen können. Noch heute bietet ein Tag auf der Jemaa al-Fna Zirkus, Schlaraffenland und Einblicke in eine reiche Stadtkultur.

Die Uhr geht auf neun, langsam verzieht sich die kühle Morgenluft in die überdachten Gassen der Suks und überlässt den Platz der Sonne. Die Orangensaftverkäufer an der Westseite bauen ihre Buden auf und zerstampfen die Früchte in großen Schüsseln. Schon ein halbes Glas erfrischt selbst den ärgsten Morgenmuffel. Nusshändler gesellen sich hinzu und preisen Mandeln, Pistazien, Erd- und Cashewnüsse zu saftigen Preisen an. Schlecht laufen ihre
Geschäfte nicht, da sich meist auch viele Touristen auf der Jemaa al-Fna tummeln. Sie vermögen aber die Atmosphäre kaum zu trüben. Natürlich zielen alle Attraktionen auf die Besucher ab. Nur kommen diese ebenso oft aus dem Umland Marrakeschs wie aus dem Ausland.

Quacksalber, Wunderheiler und Affenbändiger

Nach und nach schleichen die Quacksalber an ihren angestammten Platz an der Ostseite des Platzes und arrangieren auf umgestülpten Kisten ihre Heilmittelchen und Talismane gegen unreine Haut, Potenzstörungen, schlechte Träume und keifende Ehefrauen. Nebenan drapieren Wunderheiler Hunderte löchriger Backenzähne vor sich und demonstrieren so ihre Fingerfertigkeit als selbst ernannte Zahnärzte. Junge Burschen streunen herum und verkaufen
Zigaretten zu einem Dirham das Stück, man erkennt sie an den klingenden Münzen in ihrer rechten Hand. Dann steigt die Sonne höher, und während die Ladenbesitzer in den Suks sich gähnend zur Mittagsruhe zurückziehen, lockt die Jemaa al-Fna wie der Magnet eines Magiers immer neue schillernde Figuren an und verwandelt sich im Laufe des Nachmittags in einen Freiluftzirkus: Affenbändiger, Artisten und Feuerschlucker überbieten sich mit mehr oder
weniger spektakulären Kunststücken. Natürlich fordern sie dafür einen Obolus. Aber wer mit einem Salto rückwärts von den Schultern seines Kollegen springt oder einem Äffchen dasselbe Kunststück beibringen konnte, hat sich den auch verdient. Am Boden hocken Wahrsagerinnen, die in Händen und Karten schmökern - ein Ausdruck des lebendigen Volksglaubens in Marokko.

Die größte Freiluftküche der Welt: Die Jemaa al-Fna in Marrakesch. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Unter den Einheimischen sind die Geschichtenerzähler am beliebtesten. In einer Gesellschaft mit einer Analphabetenrate von rund 50 Prozent erfüllen sie eine wichtige soziale Funktion. Die Luft ist erfüllt vom Schellengeklapper und rhythmischen Trommeln der Gnaoua, weiß gewandeter Musiker und Tänzer, deren Vorfahren als Sklaven aus Schwarzafrika in den
Maghreb verkauft wurden. Im Halbkreis stehen sie zusammen - vom Knaben bis zum Greis - und tanzen nach den Anweisungen ihres Meisters. Übertönen können sie die anderen Geräusche der Jemaa al-Fna jedoch nicht: die Autohupen, die Trillerpfeifen der Verkehrspolizisten, das Gewirr aus Hunderten von Stimmen, die klatschenden Fausthiebe der Schauboxer und - wenn man genau hinhört - das Zischeln der Kobras zu Füssen der Schlangenbeschwörer.

Rund um den Platz sind die Cafés von Schaulustigen gefüllt, die bei einem Glas Minzentee das Treiben betrachten - kein Kinofilm könnte spannender sein. Ein Taxifahrer, der zu einem Strafzettel verdonnert wurde, schmeißt dem Polizisten wütend seinen Führerschein vor die Füße. Sofort bildet sich eine gaffende Menge, die den Fahrer beschwichtigt und den eifrigen
Ordnungshüter tadelt. Drumherum hüpfen Kinder und feuern die Kontrahenten an. So wuseln sie jeden Tag zu Tausenden am Rand des Platzes entlang: Mopeds, Fahrräder, Eiswagen, Eselkarren und viele, viele Fußgänger. Mütter schimpfen, Handys klingeln, Streithähne gestikulieren, Jugendliche flirten, Straßenhändler feilschen, Taxifahrer fluchen, Polizisten pfeifen - ein gigantisches Schauspiel. Aufführung: täglich. Darsteller: ein jeder. Je später der Abend, desto bunter das Geschehen.

"Hier! Hier! Esst bei mir!"

Denn ab 17 Uhr bauen Dutzende von weiß gekleideten Köchen ihre mobilen Garküchen auf dem Platz auf, und bald ist dieser vom Duft marokkanischer Gerichte überzogen: Couscous mit Gemüse, Hammelspieße, Merguez-Würstchen, Suppe, gegrillter Fisch, Schnecken und Tagine-Eintöpfe warten auf hungrige Münder. Aus den Grillschalen züngeln meterhohe Flammen empor. Während die Flaneure noch überlegen, bei welchem Koch sie sich zum Abendschmaus niederlassen sollen, wird es dunkel, und die Szenerie bekommt einen surrealen Zug: Aus den Garküchen steigen weiße Rauchschwaden in den Nachthimmel, durchbrochen nur vom grellen Licht der Glühlampen. Die rote marokkanische Nationalflagge
zappelt hundertfach im Wind. "Hier! Hier! Esst bei mir!", ruft ein Lockenkopf von links. "Willkommen! Ich habe die beste Gemüsesuppe!", kontert ein beleibter Koch gegenüber und schwenkt wie zum Beweis einen Holzlöffel. Großzügig spendiert er einen Nachschlag - darf's ein bisschen mehr sein? Auf der Jemaa al-Fna wird jeder satt.

Schneckenverkäufer auf der Jemaa al-Fna. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Einen Ort wie diesen kann es nur in Marrakesch geben, der "roten Stadt", deren anderthalb Millionen Einwohner sich zu einem ganz besonderen Menschenschlag aus berberischen, schwarzafrikanischen und arabischen Einflüssen vermischt haben. Hitzköpfig und aufbrausend seien die "M'rakschi", heißt es in Marokko, aber ebenso oft lobt man ihren Humor und bewundert ihre Fähigkeit, sich beim Leben Zeit zu lassen - scheinbar
gegensätzliche Charakterzüge, die sich in Marrakesch zu einem einzigartigen Lebensstil verbinden.

Gegen ein Uhr nachts darf das Herz der "roten Stadt" ruhiger pochen. Das bunte Völkchen ist in die Altstadtgassen zurückgeebbt, um etwas auszuruhen, bevor es am nächsten Tag wieder auf den Platz flutet. Nur hier und da hockt zu später Stunde noch ein Alter und knabbert unter seinem Kapuzenmantel an einem Brotlaib. Wer kein Dach über dem Kopf hat, zieht sich
in ein stilles Eck zurück. "Von meinen nächtlichen Spaziergängen durch die Gassen der Stadt pflegte ich über die Jemaa al-Fna zurückzukehren", schreibt Canetti. "Es war sonderbar, über den Platz zu gehen, der nun beinahe leer dalag. An den Rändern des Platzes legten sich Menschen zum Schlaf nieder. Sie schliefen reglos, nie hätte man vermutet, dass unter den dunklen Kapuzenmänteln etwas atme." Doch sie atmen - das pulsierende Herz von Marrakesch hält sie am Leben.

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