HARMS & JÄKEL REPORTS

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Hilfe von Aussen und Hoffen auf die Jugend

Wie eine Kleinstadt im Nordosten Bulgariens um ihre Zukunft kämpft

Von Florian Harms

(Neue Zürcher Zeitung vom 03.10.2002)

Die Probleme und Hoffnungen in der Kleinstadt Dobritsch im Nordosten Bulgariens verdeutlichen die Schwierigkeiten osteuropäischer Provinzstädte auf dem Weg zur europäischen Integration. Nur wenn die gut ausgebildeten und motivierten jungen Leute im Land gehalten werden können, scheint eine bessere Zukunft möglich.

Dobritsch - Ein Blick ins Umland einer Kleinstadt in einem fernen Teil Europas, im Nordosten Bulgariens. Zur Linken die Schuhfabrik: stillgelegt. Rechts die Molkerei: verwaist. Einen Kilometer Einöde weiter das Chemiekombinat - moosbewachsen. Am Horizont die längst von Wurzeln durchstoßene Landebahn der größten Militärflughafen-Ruine des Balkans. Einst röhrten hier stolze russische MiG-Kampfjets in den Himmel. Heute weht ein sanfter Wind über die von Gräsern zurückeroberte Fläche und verbreitet den öligen Geruch einer geschundenen Natur. Hier scheint die Erde unbewohnbar wie der Mond.

Doch das hier ist Europa, das hier ist die tiefe Provinz eines Landes, dessen Eliten auf eine baldige Mitgliedschaft in der Europäischen Union hoffen. Seit anderthalb Jahren laufen die Verhandlungen für den Beitritt Bulgariens, das seit dem Zusammenbruch des Ostblocks im Jahr 1989 enorme soziale Kosten bezahlt. Bei einer inoffiziellen Arbeitslosenrate von 35 Prozent sind die meisten der knapp 8 Millionen Bulgaren schon froh, wenn sie überhaupt einen durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet 300 Franken verdienen können. Pensionäre müssen sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie sich im Winter von 130 Franken Rente die 40 Franken Heizkosten für eine kleine Wohnung und die Stromgebühren in gleicher Höhe vom Munde absparen sollen.

All die Probleme eines Staates im wohl tiefsten Umbruch seiner fast hundertjährigen Geschichte - Arbeitslosigkeit, miserable Sozialsysteme, schwache Kaufkraft, Korruption, Umweltverschmutzung - treten in einer Provinzstadt wie Dobritsch, deren Einwohner sich, umgeben von verfallenden Industriebrachen, durch den postsozialistischen Alltag kämpfen, am stärksten zutage. Gleichzeitig ist der Kampf dieser 100.000-Seelen-Gemeinde für eine bessere Zukunft ein Gradmesser für den Stand der Entwicklung, den die osteuropäischen Staaten in ihren Bemühungen um eine Integration in das westeuropäische Wirtschafts- und Sozialsystem bis heute erreicht haben. Wie es tatsächlich um einen Staat steht, erfährt man nicht in der Hauptstadt, sondern in den Regionen, wo die Mehrheit der Durchschnittsbürger lebt. Ein Blick auf die Lebensumstände in Dobritsch hilft, die Mängel, aber auch die positiven Ansätze in den östlichen Nachbarländern der EU zu erhellen.

Von der Betonarchitektur zur grünen Stadt

Es ist kein weiter Weg dorthin. Rund dreieinhalb Stunden dauert der Flug aus einer westeuropäischen Metropole in die bulgarische Schwarzmeerstadt Varna. Abenteuerlustige mögen mit einer bulgarischen Gesellschaft fliegen und erhalten so die Gelegenheit, in einer Antonow die russische Anleitung zur Benutzung des Notausgangs zu entziffern: Nach einem kräftigen Stoss gegen eine Luke entrolle sich ein Tau, mit dessen Hilfe man sich im Notfall abseilen möge, liest der erstaunte Passagier. Von Varna geht es mit dem Bus 50 Kilometer gen Norden nach Dobritsch. Obwohl die Kleinstadt nur wenige Kilometer von Bulgariens Touristen-Hochburg am Schwarzen Meer, wegen der jährlich anschwellenden Heerscharen von Billigreisenden bereits als "Mallorca des Ostens" gescholten, entfernt liegt, hat sich Dobritsch seinen ursprünglichen Charakter bewahrt - im Guten wie im Schlechten. Zwar reißen einem hier nicht wie in der Hauptstadt Sofia hungrige Straßenkinder die Lunchpakete aus der Hand, doch trifft man hier auch nicht auf emsige russische und italienische Geschäftsleute, die den Handel mit Textilien und Schuhen, den noch am ehesten konkurrenzfähigen Exportartikeln Bulgariens, organisieren.

Der zentrale Platz Dobritschs wirkt leer, fast gespenstisch zwischen den zweifelhaften Höchstleistungen sozialistischer Betonarchitektur. Dabei gibt sich die neue Stadtverwaltung aus geläuterten ehemaligen kommunistischen Funktionären größte Mühe, das Antlitz ihrer Stadt zu verschönern. Mit Unterstützung des Entwicklungsprogramms der Uno und einer holländischen Finanzspritze renovieren derzeit 270 Arbeitslose 14 Gebäudefassaden und legen 6 Grünanlagen an. Zwar wirken die fünf rauchenden Männer, die in der Fußgängerzone zerbrochene Gehsteigplatten auswechseln sollen, nicht sehr motiviert, doch fallen im Stadtzentrum zahlreiche akkurate Blumenbeete auf, ein jedes mit einem meterhohen Schild versehen, das die Begrünung als Maßnahme der neuen Stadtverwaltung ausweist. So wird jeder Bürger daran erinnert, wem bei den nächsten Gemeindewahlen der Dank gebührt. Schritt für Schritt will die Mannschaft um Bürgermeister Latschesar Rossenow Dobritsch zu einer grünen Stadt verwandeln, die Zuzügler aus anderen Regionen und Touristen aus den Bettenburgen an der Küste anziehen soll.

Noch muss der Bürgermeister aber um jeden seiner Mitbürger kämpfen. Besonders der "Brain-Drain" macht ihm zu schaffen: Gut ausgebildete junge Leute, die aus den 19 Schulen und 7 akademischen Lehrinstituten Dobritschs hervorgehen, finden meist in ihrer Heimatstadt keine Arbeit und ziehen deshalb an die touristische Küste, nach Sofia oder gleich ins Ausland. Auf Dauer droht die Stadt so ihre komplette Mittelschicht zu verlieren und zu einer Heimstatt ausschließlich für Kinder und Pensionäre zu werden. Beide Gruppen haben nur geringe Kaufkraft, zahlen keine Steuern und investieren nicht. Durch Angebote von Weiterbildungskursen, vor allem in Fremdsprachen und Computerkenntnissen, durch kulturelle Veranstaltungen wie Jugendmusikfestivals und Popkonzerte versucht die Stadtverwaltung fast verzweifelt, die jungen Leute zumindest mittelfristig an ihre Heimatstadt zu binden. Viel mehr kann sie nicht tun. "Unsere Möglichkeiten für Investitionen und die Pflege der Infrastruktur sind bei einem Jahresbudget von umgerechnet rund 15 Millionen Franken stark begrenzt", sagt Bürgermeister Rossenow. Zum Vergleich: Biel hat etwa halb so viele Einwohner wie Dobritsch und rechnet mit einem durchschnittlichen Jahresbudget von 280 Millionen Franken.

Aufbau dank ausländischer Unterstützung

Zwar zählt die Dobrudscha als Kornkammer Bulgariens noch nicht einmal zu den ärmsten Regionen des Landes, doch der Aufbau in der Provinzhauptstadt Dobritsch funktioniert fast nur dank Hilfe von außen. Neben Holland hilft auch Italien und renoviert für eine Million Euro die vielerorts brüchigen Gasleitungen. Ein Schweizer Unternehmen aus Schaffhausen hat gerade auf eigene Kosten die Wasserversorgung des Spitals komplett erneuert. Dass der Bürgermeister sogar die 40.000 Euro erwähnt, die der Deutsche Bund für Tierschutz zur Pflege herrenloser Hunde in Dobritschs Strassen gespendet hat, demonstriert, dass die Bemühungen um Hilfsgelder aus dem Ausland sehr aufreibend sind. Doch der Einsatz lohnt sich. Als Anerkennung der vorbildlichen Aktivitäten der Stadtverwaltung haben die EU und der Europarat ein 20-monatiges Aufbauprogramm in Dobritsch gestartet. Gerne erwähnt der Bürgermeister, dass seiner Stadt als erster bulgarischer Ortschaft überhaupt die Ehrenflagge des Europarats verliehen wurde. Das scheint der Ausweg aus der Misere einer Provinzstadt in Osteuropa zu sein: mit viel eigenem Engagement Hilfe aus dem Westen organisieren. Derartige Programme können jedoch die fehlenden dauerhaften Investitionen von privaten Unternehmen nicht ersetzen.

Noch aber keimt Hoffnung. Fragt man Menschen auf der Strasse, was sie von ihrer Stadtverwaltung halten, kommt kaum ein negatives Wort über ihre Lippen. "Das ist endlich mal ein Bürgermeister, der sich für die Jugendlichen einsetzt", sagt eine 17-jährige Gymnasiastin. Gemeinsam mit einigen Gleichaltrigen trifft sie sich einmal in der Woche mit dem Bürgermeister, um über die Alltagsprobleme ihrer Generation in Dobritsch zu reden. Die Idee, die Freizeit der jungen Leute durch Popkonzerte abwechslungsreicher zu gestalten, kam von den Jugendlichen. Kommt die Rede dagegen auf die bulgarische Regierung unter dem nach einem erdrutschartigen Wahlsieg vor einem Jahr an die Macht gelangten ehemaligen König und heutigen Ministerpräsidenten Simeon Sakskoburggotski, fällt das Urteil anders aus. Herbe Enttäuschung klingt etwa aus den Worten eines Arztes am Spital von Dobritsch. Der neue Regierungschef habe seine vielen Versprechungen nicht gehalten, und auch Staatspräsident Georgi Parwanow habe nichts zu sagen. "Das ist schon ein verrücktes Land: ein König als Regierungschef und ein Kommunist als Präsident", sagt der Arzt. Er gibt der Regierung noch ein Jahr, spätestens dann müsse diese zwangsläufig wegen Versagens zurücktreten.

Natürlich ein ganz anderes Bild der Regierungsarbeit zeichnet der junge Wirtschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident Nikolai Wassilew bei einem Gespräch in Sofia. Anhand von Grafiken unterstreicht er die positiven Bedingungen für ausländische Investoren in seinem Land: die niedrigsten direkten Steuern in Europa, die niedrigste Inflation in der Region, eine niedrige Kriminalitätsrate. Dass die radikale Steuersenkung nur durch massive Preiserhöhungen für Gas und Strom zu finanzieren war, die der Grossteil der Bevölkerung nicht verkraften kann, erwähnt er nicht. Die Regierung setzt darauf, ausländische private Investoren ins Land zu locken, was eine Erhöhung der Produktivität und damit der Einkommen ermöglichen soll. Auch hier dominiert also die Hoffnung auf Hilfe von außen, doch bleibt sie noch allzu oft eine bloße Hoffnung. Im vergangenen Jahr hat sich die seit dem Jahr 1998 negative Handelsbilanz mit einem Minussaldo von anderthalb Milliarden Dollar weiter verschlechtert. Laut Angaben eines Schweizer Diplomaten in Sofia ist das schwache Interesse ausländischer Investoren vor allem auf mangelnde Rechtsklarheit, komplizierte administrative Regelungen und ein immer noch undurchsichtiges Steuersystem zurückzuführen.

Eklatant schrumpfende Bevölkerung


Das Hauptproblem scheint in Bulgarien aber, ebenso wie in der Kleinstadt Dobritsch, auch aufs Ganze gesehen die Abwanderung gut ausgebildeter und motivierter junger Menschen ins Ausland zu sein. Neben der hohen Sterbe- und einer niedrigen Geburtenrate ist vor allem die Emigration dafür verantwortlich, dass die bulgarische Bevölkerung seit 1989 um eine Million, also um über 10 Prozent, geschrumpft ist. Die jetzige Führung ist das beste Beispiel für den "Brain-Drain": Vier führende Regierungsmitglieder, unter ihnen der Ministerpräsident und sein Erster Stellvertreter, hatten bis zu ihrer Rückkehr vor Beginn des Wahlkampfs im Ausland gelebt. Der ehemalige Börsenmakler in London und jetzige Wirtschaftsminister Wassilew glaubt, seine Rückkehr nach Bulgarien sei der Beweis, dass der "Brain-Drain" auch umgekehrt funktioniere. Bleibt zu hoffen, dass die Bulgaren im Ausland nicht ausschließlich als Minister in ihre Heimat zurückkehren wollen, sondern auch als einfache Bürger. Zumindest der Ministerpräsident kennt die Reisewege aus und nach Bulgarien mittlerweile ganz genau. Bei der Rückkehr aus Dobritsch trifft man ihn zufällig am Zürcher Flughafen und traut sich, ihm einige kritische Fragen zur Wirtschaftspolitik seiner Regierung zu stellen. "Ach ja", sagt Sakskoburggotski, "das kriegen wir hin." Die Bürger von Dobritsch warten darauf.

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