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Was isst eigentlich ein Tuareg zum Frühstück? Brot.
Aber wie backt er das mitten in der Sahara? Gute Frage, schließlich
ist da überall nur Sand. Die Nomaden haben eine geniale Methode
entwickelt, in der Wüste zu backen.
Von Florian Harms
(Spiegel-Online, 7. Dezember 2006)
Ein Tuareg vom alten Schlag ist Ali Muhammad Salim nicht. Schon
der Name des groß gewachsenen Mannes, der sich vor Sand und
Kälte mit einem blauen Schleier, dem Tugulmust, schützt,
deutet darauf hin: Wie die meisten Tuareg in Libyen ist sein Stamm
arabisiert. Doch das Bewusstsein, einem besonderen Volk mit einer
eigenständigen Kultur anzugehören, spricht aus Alis Worten.
Er ist stolz darauf, ein "Sahrawi" zu sein, also einer,
der noch in der Sahara geboren wurde. In seinem Fall rund 150 Kilometer
südlich der ehemaligen Karawanenstadt Ghadames im Nordwesten
Libyens.
Als Sohn der Wüste weiß Ali natürlich, wie man inmitten
des ewigen Sandes eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel backt:
Tgilla. Dieses Wort aus dem Tamahaq, dem nördlichen Dialekt
der Tuareg-Sprache, haben die Araber als Chubsa al-Malla, "Aschebrot",
übersetzt. Um "Aschebrot" zu machen, braucht man
Zeit. Zunächst einmal gräbt Ali eine Kuhle in den Sand
und entzündet darin ein Holzfeuer. Dann knetet er aus Mehl,
Wasser und einer Prise Salz einen zirka vier Zentimeter dicken,
runden Brotfladen.
Während die Sonne hinter den Dünen und das Feuer in der
Kuhle langsam verglühen, erzählt Ali aus seinem Leben.
"Vier Jahre lang habe ich in der Hauptstadt Tripolis gewohnt,
aber ich war nicht gerne dort", sagt er. "Die Stadtmenschen
benehmen sich wie Hunde." Nein, da fühlt er sich in der
Wüste viel wohler. 75 Kamele und 500 Schafe besitzt seine Familie.
"Selbst wenn man mir ein Schloss böte, würde ich
das alles nicht aufgeben für ein Leben in der Stadt,"
sagt Ali.
Ein natürlicher Backofen
Außerdem muss er nun, da sein fast 90-jähriger Vater
erblindet ist, der Großfamilie vorstehen. Sieben Töchter
hat ihm seine Frau geboren - erst danach kam der ersehnte Sohn.
Die glücklichen Eltern gaben ihm den Namen, den viele erste
Söhne in der arabischen Welt tragen, weil er schon den Propheten
schmückte: Muhammad, "der Gepriesene".
Inzwischen sind die trockenen Holzscheite zu einem Häuflein
Glut und Asche verbrannt. Ali bestreut dieses mit einer dünnen
Sandschicht, legt darauf den Brotfladen und bedeckt ihn mit Sand
und heißer Asche, die er nun regelmäßig anfacht
- fertig ist der natürliche Backofen. Nach 20 Minuten wird
der Fladen gewendet, damit er auch von der anderen Seite ausbäckt.
Das Wort "Reste" existiert in der Tuareg-Sprache nicht
Auf der Glut kocht Ali währenddessen ein Kännchen grünen
Tee. Diese fast schon rituelle Handlung zählt wie in allen
arabischen Ländern auch bei den Tuareg zu den wichtigsten Alltagszeremonien.
Nachdem der Tee mit einer fast verschwenderischen Menge Zucker aufgekocht
ist, schäumt man ihn durch mehrmaliges Hin- und Herschütten
auf. Ob morgens zum Aufwärmen nach einer kalten Nacht, mittags
gegen die Saharahitze oder abends zum Tagesausklang - immer trinkt
man drei Gläser. "Das erste Glas bitter wie der Tod, das
zweite durchwachsen wie das Leben, das dritte süß wie
die Liebe" lautet das zugehörige Sprichwort.
Dann sticht Ali mit einem Holzstöckchen in den Brotlaib und
erkennt so, dass dieser mittlerweile kross gebacken ist. Und nun
geschieht das schier Unbegreifliche: Nachdem Ali das Brot abgeklopft
hat, bricht er es, reicht jedem ein Stück; man beißt
also hinein - und hat kein Körnchen Sand zwischen den Zähnen.
Im Gegenteil: Das Tgilla schmeckt so warm und köstlich, dass
man gleich noch ein zweites Stück verdrückt. Der Duft
des frischen Brotes in der Wüste ist so verführerisch,
dass auch Ebeydisch, Alis weißes Lieblingskamel, grunzend
den Hals reckt und seinen Teil fordert. Zufrieden schmatzend malmt
es dann vor sich hin.
Das schmeckt auch den Wüstenmäusen
Weil die libyschen Tuareg inzwischen fast alle sesshaft sind, backen
sie "Aschebrot" meist nur noch auf längeren Reisen.
In Südalgerien und in Mali, wo die meisten Tuareg leben, aber
auch in Niger und Burkina Faso ist die Methode des Brotbackens im
Sand dagegen stärker verbreitet. Schon ein Fladen sättigt
vier Personen. Zurück bleibt weder Plastikverpackung noch geschwärzter
Stein. Wenn die Tuareg durch die Wüste ziehen, hinterlassen
sie Lagerplätze so, wie sie diese vorgefunden haben. Das Wort
"Reste" existiert in ihrer Sprache nicht. Noch die Dattelkerne
werden zerstampft und mit etwas Wasser und Salz vermischt an die
Tiere verfüttert - natürliches Recycling.
Rasch ist es dunkel geworden und eine Schar neugieriger Sahara-Wüstenmäuse,
angelockt vom Brotduft, kommt zu Besuch. Kreuz und quer beschnuppern
die weißen Tierchen den Sand nach Krumen. Als sie beginnen,
den Eindringlingen auf die Schuhe zu springen, ist es Zeit, sich
aus ihrem Hoheitsgebiet zu verabschieden. Zumindest nachts wollen
sie darin nämlich ihre Ruhe vor den Zweibeinern haben. Obwohl
ihr Reich immerhin neun Millionen Quadratkilometer groß ist...
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