HARMS & JÄKEL REPORTS

Fotografie von Lutz Jäkel. Klicken Sie hier für ein größeres Bild.
 
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Allah in der Wassermelone

Gibt es Gott? Und wenn ja - wo ist er? Glaubensfeste Muslime haben eine Antwort gefunden: Allah offenbart sich unter anderem in Wolken, Brot, Kakteen und Obst. Zum Beweis präsentieren sie ihre wundersamen Erscheinungen im Internet.

Von Florian Harms

Kann man Gott essen? Sicher. Er schmeckt süß wie eine Wassermelone, knusprig wie ein Fladenbrot oder saftig wie eine Tomate. Schließlich ist er mindestens ebenso vielfältig wie das ganze Universum. Aber wie kommt Gott in eine Melone? Ganz einfach: Indem er seinen ehrwürdigen Namen in ihr als Schriftzug verewigt - klar und deutlich lesbar.

So sehen es zumindest die Anhänger des muslimischen Vereins "Islam Can" ("Der Islam kann es") im kanadischen Bundesstaat Ontario und mit ihnen Tausende Muslime in aller Welt, die die Website der religiösen Gruppe angeklickt haben und ihren Newsletter beziehen. Natürlich haben sie Gott nicht gegessen, denn wo kämen wir da hin? Stattdessen haben sie ihn sorgfältig aufbewahrt und dokumentiert - genauer gesagt jenen Teil von ihm, der sich in wundersamen Erscheinungen offenbart. Zweifel ausgeschlossen, die Wege des Allmächtigen sind unergründlich.

"Das Ziel von Islamcan.com ist es, hinreichende Mittel bereitzustellen, um den Glauben jedes Menschen an Allah zu stärken", schreibt die Gruppe auf ihrer Website. Ähnliche Missions-Seiten gibt es zu Hunderten, vor allem in den USA, wo muslimische Diaspora-Gemeinden das Internet ebenso professionell nutzen wie Christen. Die "hinreichenden Mittel" von "Islam Can" sind allerdings ganz spezieller Art: Durch das Erscheinen von Gottes Namen auf Erden soll seine Existenz bewiesen werden. Eine verschriftlichte Hotline vom Jenseits ins Diesseits sozusagen. Passenderweise ist der arabische Schriftzug für "Allah" nicht nur kurz, sondern besteht auch aus recht einfachen geometrischen Formen (siehe Bildergalerie).

Allah-Kaktus im Blumentopf

Und genau diese Formen wollen Muslime in aller Welt in den unterschiedlichsten Naturerscheinungen und Alltagsgegenständen entdeckt haben. Ihre Fotos dieser Phänomene auf Islamcan.com kommen dem arabischen Schriftzug tatsächlich erstaunlich nah: Ein Kaktus in einem Blumentopf, eine Wolkenformation am Himmel, ein Backschatten auf einem Fladenbrot, das Fleisch einer Tomate, der Kernkanal einer Wassermelone - alle scheinen das Wort "Allah" zu formen.

In den Kommentaren zu den Fotos berichtet etwa eine muslimische Gemeinde in Birmingham, Alabama von einem Koran-Rezitations-Wettbewerb in ihrer Moschee. Weil bei einem Regenschauer Wasser durchs undichte Dach tropfte, stellte jemand einen Topf auf den Teppich. Als eine Gläubige das Gefäß wenig später hochhob, war das Wunder geschehen: Auf der Auslegeware erschien der Name Allahs.

Mindestens ebenso wundervoll ist jene Erscheinung, die einer Gruppe muslimischer Jugendlicher in Kanada widerfuhr: Auf einer Missionstour in den Bergen British Columbias erkletterten sie den Whistler Mountain. Oben angekommen, erblickten sie das Wort "Allah" in den Konturen eines Berghangs gegenüber. "Flugs kauften sie eine Einwegkamera im Souvenirladen und machten diese herrlichen Bilder", verkündet "Islam Can".

Auch eine Konvertitin namens Angelique aus Liverpool in England hat Bemerkenswertes zu berichten: "Ich briet Fleisch auf einem Backblech, und als ich es herunternahm, erschien das Wort Allah eingebrannt auf dem Metall." Ein angeschwärztes Küchenblech als Beweis für die Existenz Gottes?

"Sprache und Glaube gehören zusammen"

Die wundersamen Gotteszeichen sind gar nicht so selten. Mitte Juli verbreitete die Nachrichtenagentur AFP die Meldung, in Kasachstan habe ein Huhn ein Ei gelegt, auf dessen Schale in arabischer Schrift das Wort "Allah" zu lesen sei. Die Besitzer hätten das Stück eigens in der örtlichen Moschee "überprüfen" lassen. Kurz darauf berichteten malaysische Zeitungen, in einem Sportfischerteich in der Stadt Rawang seien fünf Fische entdeckt worden, die arabische Zeichen auf ihrer Schuppenhaut trügen: Sie bildeten die Worte "Allah, Allah, Allah" und "La Illaha ila Allah" - das islamische Glaubensbekenntnis ("Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet").

So skurril die Erscheinungen auf Außenstehende wirken - "als religiöser Mensch entdeckt man alles, was man für übermächtig hält, in Dingen wieder", sagt Ulrich Oevermann, Religionssoziologe an der Universität Frankfurt am Main. "Der Zusammenhang von Sprache und Glaube ist in allen monotheistischen Religionen wesensnotwendig. Weil Gott oft so fern und abstrakt erscheint, suchen Gläubige Wege, um ihn zu erreichen - und verfallen dabei nicht selten auf Magie. Pflanzen eignen sich dafür besonders gut, weil sie geometrische Formen haben - genauso wie die arabische Schrift."

Der Glaube an die Wunder- und Heilkraft außergewöhnlicher Objekte reicht bis in die Frühzeit des Islams zurück und ist außerordentlich lebendig. Schon Mohammeds Gefährten sollen um Haare und Kleidungsstücke des Propheten gewetteifert haben. Die Reliquienkammer im Istanbuler Topkapi rühmt sich ihrer Sammlung von Barthaaren des Religionsgründers. Ob Heiligengräber, gesegnete Bäume oder magische Wimpel: Die Liste der Orte und Gegenstände in der islamischen Welt, die Segenskraft - sogenannte Baraka - versprechen, ist lang.

Wenn Bäume beten

Auch christliche Gruppen praktizieren Wunderglauben seit Jahrhunderten. Vor allem unter Puritanern und wiedergeborenen Christen in den USA gehören Gotteszeichen zum Glaubensrepertoire. Tausende Menschen wollen Marien-, Jesus- oder Heiligenerscheinungen auf Hausfassaden, Steinen und anderen Gegenständen gesichtet haben. Manche versuchen, mit derlei Devotionalien Geld zu verdienen. So wurde im November 2004 bei eBay ein Frühstückstoast angeboten, auf dem das Gesicht der Jungfrau Maria zu sehen gewesen sein soll. Das Höchstgebot für die "heilige Brotscheibe" stand bei 22.000 US-Dollar, bevor die Online-Kaufbörse die Aktion abbrach.

Die Mitglieder von "Islam Can" stellen ihre Bilder dagegen kostenlos bereit. Eines der schönsten Exemplare wurde ihnen von australischen Muslimen geschickt. Es zeigt einen verwachsenen Baum in einem Wald bei Sydney, der einem Gläubigen bei der rituellen muslimischen Gebets-Verbeugung ähnelt - inklusive der auf den Knien abgestützten Arme. Ja, der Baumbeter sei sogar "genau zur heiligen Kaaba in Mekka" ausgerichtet, jubeln die Gläubigen.
Wenn sogar schon Bäume beten, wer will dann noch daran zweifeln, dass der Allmächtige tatsächlich existiert?


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