HARMS & JÄKEL REPORTS

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Libyen - Leseproben


Fesaan - das Herz der Tradition

Zwischen Sandmeeren und Geisterbergen pflegen die Menschen im Südwesten Libyens die Sitten ihrer nomadischen Vorfahren. Jahrhunderte alte Karawanenrouten verbinden die Oasenstädte bis heute mit Zentralafrika.

"Mutter allen Wassers" - Foto © Jäkel. Größer? Klicken!Die "Mutter allen Wassers" liegt inmitten grenzenloser Ödnis. Goldenes Abendlicht taucht den dunkelblauen Umm al-Maa' in unwirklichen Zauber, ein leiser Wind spielt im tiefgrünen Schilfgras am Ufer. An den Palmen funkeln rotbraune Datteln, rund um die lang gezogene Verheißung der Fruchtbarkeit aber lagern die trügerisch sanften, lebensfeindlichen Dünen. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, kann dieses Wunder nicht begreifen, heißt es. Wie könnte man auch? Das muss man selbst erlebt haben: Zwei, drei Stunden lang in einem Geländewagen über das Sandmeer kurven, hoch die Düne, runter die Düne, die Orientierung kurzzeitig verlieren, wenn die Sonne im Zenith steht, weil das Auge die eintönigen Geländestrukturen nicht mehr unterscheiden kann, den Wagen bei über 40 Grad Hitze anschieben, wenn er im mehlfeinen Treibsand, dem Feschfaasch, stecken bleibt, erleichtert aufatmen, wenn die Sonne sinkt und der Sand sich mit der Kühle des Abends wieder schließt, wie es die Tuaareg ausdrücken. Schließlich mit Schwung auf eine besonders hohe Düne hinaufpreschen und dann - dann liegt er dort wie ein Spiegelbild des Gartens Eden inmitten des Sandes: ein palmengesäumter See.

Die Mandara-Seen im Sandmeer des Idhaan Ubaari zählen zu den schönsten Naturschätzen Libyens und krönen den Fesaan, die südwestliche Region des Landes, die allein anderthalb Mal so groß wie Deutschland ist. Wie viele es sind, ob zehn oder 15, weiß man bis heute nicht genau, einige der kleineren Seen trocknen zeitweise aus, füllen sich dann aber wieder wie von Geisterhand getränkt. Vermutlich spielt das Schwanken des Grundwasserspiegels dabei eine Rolle, doch vollständig erklärbar ist das Wunder des offenen Wassers im ewigen Sand bis heute nicht. Es ist wohl ein Überrest jenes riesigen Gewässers, das vor rund 400.000 und dann noch mal vor 200.000 Jahren das heutige Saharabecken ausfüllte. Wahrscheinlich speisen sich die Seen, die der Forschungsreisende Edward Vogel im Winter 1852/53 als erster Europäer zu Gesicht bekam, durch artesischen Druck aus zwei übrig gebliebenen unterirdischen Wasservorkommen.

Doch warum versanden sie nicht, warum werden sie nicht einmal im Frühling, wenn der Saharawind Gibli wirbelt, unter Wanderdünen begraben? Sicher, das dicht stehende Schilf am Ufer mag als Schutz dienen, doch wer den feinen Sand der Sahara kennt, weiß, dass dieser vor nichts und niemandem Halt macht. Eine Theorie besagt, dass zwar stetig Sand in die Seen rieselt, dass an deren Grund aber regelmäßig Hohlräume einbrechen und die Gewässer wieder vertiefen (...).


Zu Besuch beim libyschen Robinson Crusoe

Das Reich von Fa'is Abdalasis al-Maqali ist zwölf Kilometer lang und knapp einen Kilometer breit. "Die Insel Farwa ist der Garten Gottes - und ich lebe mittendrin", sagt der schlanke 30-Jährige mit einem Grinsen unter seinem grünen Sonnenhut. Strenggenommen ist der flache Sandstreifen im Meer an der Grenze zu Tunesien nur eine Halbinsel, aber das spielt keine Rolle. Seit acht Jahren verbringt Fa'is jedes Jahr drei Monate auf diesem einsamen Flecken. Mutterseelenallein, umgeben nur von Sanddünen, dem Meeresrauschen und zwei Hunden. Vor seinen drei windschiefen Palmhütten hat er den angeschwemmten Müll aus den Städten am Festland weggeräumt und neben einer Feuerstelle für die tägliche Fischbraterei auch einen kleinen Betplatz markiert.

Der libysche Robinson Crusoe. Foto © Lutz Jäkel. Größer? Klicken!"Ich mag Städte nicht, also echt", sagt der libysche Robinson Crusoe, "all die Menschen dort, das ist nichts für mich." Lieber passt er ehrenamtlich auf die Halbinsel auf, mit der die libysche Regierung einst große Pläne hatte. Damit europäische Touristinnen nach ihren Wüstentouren einen Strandurlaub anhängen können, ohne beim Baden die Verschleierungssitte zu verletzen, gedachte sie an dem abgelegenen Ort einen gewaltigen Hotelkomplex zu errichten. Dafür zahlte sie einen dicken Batzen Geld an ein Bauunternehmen. Einige Jahre später war der dicke Batzen weg, aber die Bauarbeiten hatten noch nicht mal begonnen. Anfang 2005 schloss die Regierung dann mit einem Mailänder Investor ein Abkommen über den Bau einer 200 Millionen Euro teuren Ferienanlage für 3800 Urlauber. Doch wenn man einheimische Geschäftsleute nach dem Projekt fragt, erntet man nur skeptische Blicke.

Den libyschen Robinson Crusoe ficht das nicht im Geringsten an. Sowieso mag er Leute nicht, die sich nur über Geld definieren. "Weißt du, da kommt irgendwer auf irgendeine Weise an einen Haufen Bares, und plötzlich benimmt er sich wie ein Pfau. Bah, also echt!" spottet er und bietet seinen Besuchern ein alkoholfreies Bierchen an. "Auf die Einsamkeit!"

Aber wird die Einsamkeit nicht irgendwann zur Qual? "Na ja, wenn mir langweilig wird, mache ich einen Strandspaziergang: zwölf Kilometer runter, zwölf Kilometer rauf", sagt Fa'is. Oder er schmaucht sein Wasserpfeifchen, das er aus einem Einmachglas und einem Bambusrohr gebastelt hat. "Und wenn doch mal jemand vorbeikommt, freue ich mich natürlich." Aber ewig will er so nun doch nicht leben. "Irgendwann möchte ich nach Malta, mein Bruder Salim ist dort nämlich Profi-Basketballer. Dann suche ich mir eine Frau und heirate. Ich habe dafür sogar schon vier Jahre Französisch gelernt!" Französisch? Für Malta? "Ach, egal, ich hab mir eh kein Wort gemerkt. Warum muss das auch so schwer sein, also echt?"

Vielleicht muss der libysche Robinson Crusoe ja gar nicht auswandern, und vielleicht braucht er auch gar keine Fremdsprachen, um irgendwann die Frau fürs Leben zu finden. Möglicherweise liegt das Glück viel näher. Er stammt nämlich aus dem Berber-Ort Suwaara westlich von Tripolis. Es heißt, dort lebten die schönsten Mädchen Libyens. "Mal sehen, also echt", sagt Fa'is.


Von der Revolution zur Folklore

In den fast 40 Jahren seiner Alleinherrschaft hat sich Muammar al-Qaddafi vom Ideologen zum Pragmatiker gewandelt. Das Ausland sieht es mit Freuden, die libysche Bevölkerung bleibt gelassen.

Fotografie von Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Mittwoch, 31. August 2005, 17 Uhr. Am Vorabend des 36. Jahrestages der Fatih-Revolution schwelt die größte libysche Stadt Tripolis im Ausnahmezustand. Aus dem ganzen Land sind Delegierte der Volkskonferenzen angereist, haben auf Parkplätzen, Busbahnhöfen oder am Strand in Zelten campiert und auf den großen Augenblick gewartet. Jetzt streben sie gemeinsam dem Höhepunkt entgegen. Auf der Uferpromenade, durch die Straßen des ehemaligen Kolonialviertels und die Gassen der Altstadt strömen sie zu Tausenden ins Zentrum des Landes, zum Grünen Platz.

Schulbuben mit Qaddafi-Konterfei auf den Schirmmützen dreschen wie Schlachtenbummler auf ihre umgehängten Trommeln, betagte Männer aus dem Süden in weißen und hellblauen Gewändern schwingen im goldenen Abendlicht die grüne Nationalflagge. "Wir sind hier, o Revolutionsführer, wir sind gekommen aus as-Saawiya, aus Traghen, aus Sabha...", skandieren Anheizer in ihre Megaphone, eine Schar junger Frauen fällt klatschend in den Chor ein. Aus den Fenstern hupender Busse johlen Schwarzafrikaner in bunten T-Shirts, dahinter schreiten würdige Tuareg-Männer mit verschleierten Gesichtern. Fast an jedem Haus hängen Transparente und Stoffbahnen, die Wohlklingendes verkünden: "Die Fatih-Revolution ist eine Sonne, die niemals untergeht" und "Die Macht gehört dem Volk, niemandem sonst".

Am Straßenrand steht der 65-jährige Uthman Ali aus Sirt und betrachtet das Treiben. "Von überall her kommen die Leute, um hier zu feiern, das ist doch toll", sagt er, "einige haben einen Weg von über 1000 Kilometern zurückgelegt, das ist doch was!" Auch die Teenager Ali und Usama aus einem Dorf nahe der tunesischen Grenze sind in festlicher Stimmung: "Heute ist ein wichtiger Tag für uns alle und für das ganze Land", beteuern sie. 30 Meter weiter dösen einige Gleichaltrige in Badehosen am Strand und genießen die letzten Strahlen der Abendsonne. Die Festtagseuphorie scheint nicht jeden gepackt zu haben.

Fotografie von Lutz Jäkel. Größer? Klicken!Je näher die Menschenschlangen ihrem Ziel kommen, desto dichter wird das Gedränge. Die verschiedenen Delegationen sammeln sich am Rand des in Flutlicht getauchten Grünen Platzes, um nach und nach vor der Ehrentribüne vorbeizudefilieren. Ein Trupp von Soldaten macht in einem seltsamen Hüpfschritt den Anfang, zu dem die Männer einen Laut ausstoßen, der wie "Huh!" klingt und offenbar Kampfesstärke demonstrieren soll. Die Umstehenden lachen, sie kennen die Ineffektivität der libyschen Armee.

Einer der umherwuselnden Kameramänner fängt ihre Gesichter ein - Sekunden später lächeln sie von den großen Videoleinwänden auf dem ganzen Platz. Schwarzafrikanische Frauen ziehen tanzend vorüber, gefolgt von Berbern, die eine Sänfte mit einem geschmückten Mädchen auf den Schultern balancieren. Studenten wedeln mit Qaddafi-Plakaten, dazwischen trottet ein Bub, auf dessen Schirmmütze der Aufdruck "USA" prangt. Der einstige Todfeind hat sich durchs Hintertürchen des Massenkonsums bis ins Zentrum der Revolutionsfeiern geschlichen (...).


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